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Athen, Griechenland

Athen, Griechenland

Aufgenommen am 12.08.2015

Vorweg: Es ist die letzte Station der ersten Lokalkolorit-Forschungsreise. Nach bislang rund 11.000 gefahrenen Kilometern (knapp 3000 liegen noch vor mir) und einer klimatischen Bandbreite, die vom von Schneefall am Polarkreis bis zur aktuellen Sommerhitze in Griechenland reicht, bin ich bei meiner Ankunft natürlich mindestens genauso aufgeregt wie am ersten Punkt, am Nordkap. Ein letztes Mal werde ich die Stadt an drei bis vier Tagen einmal komplett von Norden nach Süden durchwandern, dann ist’s auch Zeit die Wanderschuhe gegen Badelatschen auszutauschen…

Zwar ist es keine Pionierleistung sich ins Auto zu setzen und von A nach b zu fahren, aber dass Auto, Technik und nicht zu Letzt meine Gesundheit mir die Fahrt über keinerlei ernsthaften Anlass zur Sorge bereitet haben ist keine Selbstverständlichkeit und dafür bin ich sehr dankbar.

 

Die Stadt:

Wie schon häufiger geschrieben, so ist es auch -und besonders- für Athen unnötig eine städtebauliche Beschreibung liefern zu wollen, die Stadt ist ebenfalls mehr als ausreichend dokumentiert.

Daher hier meine -wie immer subjektiven- Eindrücke: Athen wirkt zunächst einmal riesig, das Wort Häusermeer trifft es natürlich sehr gut, denn sobald man auf einem der vielen Hügel und Erhebungen in und um Athen steht, kann man sich dem Eindruck nicht erwehren, dass hier wirklich Häuser die Topografie umspülen. Und weil die Stadt eine große Ausdehnung hat gibt’s tatsächlich Ecken, an denen man das Ende der Siedlungsfläche nicht mehr erblicken kann. Diesem Eindruck zuträglich ist die Vorgabe, dass keine Gebäude in Athen der Akropolis im Stadtbild Konkurrenz machen dürfen, dementsprechend gibt es kaum visuelle Anker in der Masse der Häuser. Was die Wohnbebauung angeht so ist auch hier, völlig analog zu Thessaloniki, der Typ des Balkonhauses, für den man in Athen den Begriff des ‚Athener Apartmenthauses‘ verwenden darf, der absolut vorherrschende Bautyp. Auch dieser Umstand trägt natürlich stark zur homogenen Erscheinung des Stadtbildes bei.

Der Vollständigkeit halber möchte ich anmerken, dass der Terminus des ‚Athener Apartmenthauses‘ sich originär auf einen Bautyp aus den 1920er und 30er Jahren bezieht welcher wiederum stark inhaltliche und formale Bezüge zur klassischen Moderne aufweist. Der Großteil der Wohnbebauung Athens wiederum knüpft hauptsächlich in konstruktiver Hinsicht (‚Domino‘-Stahlbetonskelett) an dieses Erbe an und entfernt sich von den Inhalten der Moderne im gleichen Maß, wie es beispielsweise Plattenbauten der ehemaligen Sowjetrepubliken von den Überlegungen des industrialisierten Bauens, vor allem was gesellschaftliche Aspekte und Raumqualität angeht, der (ursprünglich gleichen) Moderne ebenfalls tun.

Der zweite Punkt, den ich persönlich für stark Prägend erachten würde, ist die starke Präsenz von Graffiti in der gesamten Stadt. Während ‚gemalte‘ Pieces traditionell entlang der Bahnlinien und auf Brandwänden sich den Platz mit recht vielen eindrucksvollen Streetart-Werken teilen und hier lediglich der kulturellen Durchdringung einer Großstadt gerecht werden, ist es vor allem die nahezu flächendeckende Schicht von geschriebenen Parolen und Tags, viele davon explizit politischer Natur, die das Straßenbild von Athen zeichnen.

Was die Wohnviertel außerhalb des Stadtzentrums angeht, kann ich ohne weiteres auf die Beschreibung ähnlicher Viertel in Thessaloniki verweisen, stilistisch, typologisch und auch von der sozialen Schichtung her (-auch was die von mir notierten Auswirkungen der Wirtschaftskrise angeh-) wäre es mir kaum Möglich relevante Unterscheidungen zu treffen. Einzig der Topografie geschuldete Unterschiede könnten im Detail erwähnt werden, diese sind aber nicht so signifikant, dass sich der Aufwand hier rechtfertigen ließe.

Mit Ausnahme der absolut innerstädtischen Viertel, wie z.B. dem Business-Dreieck (Zwischen der Stadiou-Straße, Omonia-Platz und Plaka) oder der ‚Altstadt‘ Plaka, sind viele der Viertel recht ähnlich zueinander und weisen entsprechend gleiche bauliche und strukturelle Merkmale auf. Erst in den Randbezirken der Stadt, wo sich ggf. auch die Bebauung jenseits von Höhe und Dichte ändert, fallen wirkliche Unterschiede im Stadtkörper auf.

Im Innenstadtbereich, besonders im Bereich des ‚Dreiecks‘ und den angrenzenden Straßenzügen fällt auf, dass viele der repräsentativen Gebäude, Verwaltungs- oder Museumsgebäude entweder als klassizistisch (Besonders imposant: Die sogenannte Athener Trilogie: Universität, Akademie und Nationalbibliothek) oder ausnehmend ‚modern‘ einzustufen sind. Nur wenige Gebäude scheinen aus diesem Raster herauszufallen. Besonders zeitgenössische Architektur bleibt hier eine Ausnahme, wobei wiederum die neue Nationalbank, das Ministerium für Sport und Kultur und besonders das neue Akropolis-Museum quasi ansatzlos aus der dichten Bebauung herausstechen.

Das als Altstadt bezeichnete Viertel Plaka unweit der Akropolis, welches sich vor allem durch die antike Grundsubstanz der Gebäude, seine Kleinteiligkeit und weitest gehende Autofreiheit auszeichnet ist gleichzeitig auch ein touristischer Hotspot, so dass man vor lauter Cafes, Restaurants, Souvenierläden etc. kaum die Möglichkeit hat dieses Viertel wirklich als belebtes Wohnviertel wahrzunehmen. Bei der Masse an Besuchern und der prominenten Lage sicherlich kaum vermeidbar.

Eine andere Art von Tourismus erfährt wohl das Viertel Exarchia, nordöstlich an die Innenstadt angrenzend. Als Studentenviertel bezeichnet ist es gleichzeitig auch ein Viertel der alternativen Szene, offensichtlich seit den 70er Jahren linksautonom geprägt. Durch die Proteste und Unruhen der letzten Jahre, die häufig von hier ausgingen, zu trauriger* Berühmtheit erlangt, ist Exarchia nun auch ein Ziel vieler junger Städtetouristen, was wiederum eine entsprechende Infrastruktur an Hostels, Clubs, Cafés, Plattenläden und Boutiquen nach sich zog, die wiederum das Bild des Viertels zu verändern scheinen. Eine interessante Mischung aus alternativen Geschäfts- und Lebensentwürfen und Szenetourismus wie sie wohl nur in einer wirklichen Metropole dauerhaft Bestand haben kann ohne sofort von Investoren überrannt zu werden, dafür ist die die Stadt dann wohl doch zu groß und vielleicht das Viertel zu ‚wehrhaft‘. Auch wenn die Parallelität beider Gesichter wahrnehmbar ist, der raue Charakter überwiegt und ist in jedem Fall authentisch. Wenn es eines visuellen Beweises bedarf, dann ist an erster Stelle bestimmt die noch größere Bedeckung mit Graffiti und Streetart zu nennen.

*Traurig selbstverständlich bezogen auf den von Polizisten erschossenen 15 jährigen Alexandros-Andreas Grigoropoulos, an den ein eine kleine Gedenktafel erinnert.

Nahezu surreal empfand ich die Besuche der beiden großen ‚Brachen‘ im Stadtgebiet: Das Olympiagelände von 2004 und den ehemaligen Flughafen ‚Athen-Ellinikon‘ mit dem Terminalgebäude von Eero Saarinen. Da der Flughafen seit einigen Jahren außer Betrieb ist und auf eine Umwidmung wartet, war er ebenso verlassen wie die Sportstätten des ‚Olympia Sportkomplexes‘ mit den berühmten Calatrava-Bauten, die zumindest noch teilweise, aber offensichtlich sehr selten, genutzt werden.

In beiden Fällen war ich weitestgehend alleine und konnte erstmals in Athen völlig ungestört Räume, Atmosphäre und Architektur betrachten. Die Kombination von sehenswerter Architektur und der endzeitartigen Atmosphäre verlassener, z.T. nur notdürftig am Verfall gehinderter Bauten hoben auf sehr spezielle Art vor allem die Qualität der Architektur hervor die im wohltuenden Kontrast zu den Menschenmassen auf der Akropolis und in Plaka standen.

Über die Beziehung von Athen und der Küstenlinie kann ich nicht viel Belastbares sagen, da ich nur an zwei, drei Stellen Richtung Wasser gelaufen bin, zu groß die Stadt und zu lang die Küstenlinie. Zunächst war ich östlich unterhalb des ehemaligen Flughafens am Wasser, hier war auch der südliche Endpunkt des Untersuchungsgebietes. Eine große (National-) Straße trennt die Baulinie von der Küstenlinie, wobei hier, anders als weiter westlich, der Pufferstreifen zwischen der großen Straße und der Wasserlinie durchgängig bebaut ist. Hier stehen hauptsächlich kleinere Hotels und einige private Villen, die auf Grund der hohen Einzäunungen allerdings kaum einsehbar waren. Direkt am Wasser liegt ein vielleicht 250m langer öffentlicher Strand, eingeklemmt zwischen einem kleinen Yachthafen und einer mit Natodraht gesicherten Landzunge auf der ein offengelassenes Hotel zu stehen scheint. Interessanterweise gab es an diesem kleinen Strand keinerlei Strandbar, Kiosk oder Taverne in der unmittelbaren Nähe. Jenseits der großen Küstenstraße schließt ein gemischtes Wohngebiet an, wobei hier die Wohnbauten häufiger mit Hotels und Gaststätten als mit Gewerbebetrieben (Hauptsächlich Bootsbau- und Ausstatterfirmen) ‚gemischt‘ sind. Je weiter man sich von der Wasserlinie weg bewegt umso mehr reine Wohnbebauung trifft man an. Nördlich und östlich vom ehemaligen Flugplatz sind einige ehemalige Flächen desselben frei gegeben worden, hier verdichtet sich die Stadt mit neuen Wohnvierteln.

Später besuchte ich noch Piräus und die östlich anschließenden Viertel am der Küste. Auf dem Weg nach Piräus fährt die Metro durch ausgedehnte innerstädtische Industriegebiete, die einzigen die ich in Athen gesehen hatte, oder besser, im eigentlichen Untersuchungsgebiet waren lediglich kleinere Gewerbegebiete aber keine Industrie anzutreffen.

Der Fährhafen von Piräus teilt sich gewissermaßen die Aufmerksamkeit mit dem Yachthafen, beide stehen gewissermaßen prototypisch für ihr Genre und ergänzen sich auf eigentümliche Art und Weise. Die unglaublich vielen Menschen, die auf ihre Fährverbindung warten und derweil sich in Piräus die Zeit vertreiben treffen beim umherspazieren auf ein paar wirklich reich aussehende ‚Yachtler‘. Beide Gruppen beschauen sich gegenseitig und geben gleichzeitig vor sich zu ignorieren, wobei jede Gruppe die Anwesenheit der anderen augenscheinlich braucht und genießt um sich in der jeweils eigenen Rolle bestätigt zu sehen, so zumindest die Blicke. Es gibt allerdings trotz allem immer noch genügend Berührungspunkte in den Cafés und Supermärkten und die wahren Connaisseure dieser Schnittstellentreffen dürften ohnehin die Bedienungen und Angestellten der andienenden Infrastruktur sein. Im übertragenen Sinn funktioniert auch die Stadt zwischen den beiden Hafenbecken nach einem ähnlichen Muster, ist allerdings ein wirklich weit hergeholter Vergleich und eher atmosphärisch als baulich belegbar.

Eines der beiden Hochhäuser Athens (-wenn man Piräus zu Athen zählen darf, was im Endeffekt dem Zusammenlegen von Offenbach und Frankfurt nahe kommt-) steht in Piräus, offensichtlich außer Gebrauch und einziger Mieter ist ein großes Transparent der Kommunistischen Partei Griechenlands.

Keine Ironie verträgt die Lage der Flüchtlinge in Athen. Zwischen den privaten Stränden, Werften und Yachthafen, dort wo also noch unbelegter Platz am Wasser ist, treffen sich viele der angekommenen Flüchtlinge um sich abzukühlen, sich zu waschen oder gar um dort zu übernachten. Ganze Familien versuchen irgendwie mit Hitze und Sonne klar zu kommen, es gibt keine erkennbaren Orte an denen sie aufgenommen werden könnten. Ein beklemmendes Bild.

Nah am Untersuchungsgebiet, aber dennoch haarscharf nicht mit aufgenommen liegt mir noch der Vorort Kifisia am Herzen. Als Vorort der Reichen und Schönen scheint er seit einigen Jahren ausgedient zu haben, so dass sich hier viele Ferienhäuser und Villen aus den 60er bis 90er Jahren mit erkennbar hohen gestalterischen Anspruch jenseits der Aufgeregtheit vieler zeitgenössischer Villenarchitekturen finden lassen. Natürlich kommen hier und da auch neue Gebäude hinzu, aber vor allem haben es mir die ‚unverbastelten‘ Vertreter aus den 60er und 70er Jahren angetan, von denen einige scheinbar wirklich noch im Originalzustand erhalten sind.

Farbigkeit:

Jenseits der antiken Monumente verhält es sich mit der farblichen Beschreibung Athens exakt genauso wie in Thessaloniki. Es geht also entweder um die Farbigkeit der Fassadenflächen, die überhaupt noch zu sehen sind oder um die Markisen, Vorhänge, Jalousien, Blumentöpfe etc. als farbliche Referenz.

Ich verweise daher auf die Notizen aus Thessaloniki.

Insgesamt geben sich beide Städte in Bezug auf Farbigkeit und Materialität also nicht allzu viel, ich hatte subjektiv das Gefühl, dass in Athen insgesamt eine größere Bandbreite an individueller Ausdrucksform und materieller Diversität zu finden sei, wobei genau dieser Eindruck natürlich auch durch den ‚Hauptstadtaspekt‘, der Größe der Stadt und der damit zusammenhängenden Häufung repräsentativer Bauten hervorgerufen sein kann.