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Brasov, Rumänien

Brasov, Rumänien

Aufgenommen am 24.07.2015

Brasov in Transsylvanien liegt etwas südöstlich von der Mitte Rumäniens und, zumindest was den alten Stadtkern angeht, verteilt zwischen mehreren kleineren Hügeln sowie einigen höheren Zügen der Karparten, direkt am Fuß des Hausberges ‘Tampa’. Durch die topografischen Vorgaben liegt die Altstadt, und damit auch Stadtkern und ästhetischer Bezugspunkt, weit Westen des heutigen Stadtraums.

Tatsächlich hätte meine Methode sich auf Google Earth bei der Wahl des Ausgangspunktes -und damit auch die Festlegung Wahl Nord-Süd Bezugsachse- dazu geführt, dass ich das historische Stadtzentrum nicht aufgenommen hätte. Zum einen gilt es im weiteren Verlauf der Ausarbeitung nochmals genauer herauszufinden wie GE den ‘Pin’ setzt und zum anderen bin ich auf den Abgleich der aufgenommenen Farben gespannt. Den Datensatz einmal mit und einmal ohne die Altstadt in die Auswertung aufzunehmen dürfte nicht nur für Brasov, sondern auch für die meisten Städte mit restaurierter und touristisch aufgewerteter Altstadt sehr interessant werden.

Der Altstadtstreifen ist zudem noch relativ schmal und langgezogen, da er wortwörtlich zwischen zwei Berghängen liegt. Westlich dieses Streifens endet die Stadt in einem Tal am Waldrand, es ziehen sich noch einige sehr schöne Villenviertel und später deutlich einfachere, fast dörflich Strukturen in die Hänge hinein. Eine genauere Beschreibung der Altstadt spare ich mir auf Grund der sehr guten, allgemein zugänglichen, Quellenlage.

Der flächenmässig deutlich größere, also eigentliche, Stadtkörper liegt ein bis zwei Kilometer weiter Östlich und hebt sich in Struktur und Architektur, selbstredend, vom Altstadtkern ab. Zwischen beiden Stadträumen existiert fast durchgehend eine Art Pufferviertel aus kleineren Bauten, teils ehemaligen Bauernhöfen, teils einfachen Wohnbebauungen. Somit ist durchquert man immer dieses ‘Filter’ zwischen beiden Stadtteilen der wiederum dafür sorgt, dass ein direkter Kontakt zwischen pittoresker Altstadt und den Vierteln der jüngeren Geschichte kaum stattfindet, was wiederum die Stadt tatsächlich in die Altstadt und den ‘Rest’ zerfallen lässt.

Was die an die Altstadt angrenzenden Viertel auszeichnet ist zum einen der inhomogene Mix aus Baujahren, Erscheinungsbild, Größe und Volumen, sowie die augenfällige Tendenz zum sich-abschotten. Stärker noch als in der Ukraine oder Belarus und selbstredend völlig anders als in Skandinavien, sind hier Zäune zu Mauern geworden, blickundurchlässig und hoch, so dass der Straßenraum sehr oft, wenn das Haus keine straßenbündige Front hat, vom ‘Kummerbund’ der Einfriedung bestimmt wird. Auch dieser Beobachtung möchte ich weiter nachgehen und versuchen herauszufinden wie stark dieser Aspekt die Wahrnehmung des Stadtraums in farblich/materieller Hinsicht prägt.

Es leben noch viele Menschen im Bereich der touristisch beherrschten Altstadt und in den direkt an den Kern angrenzenden Straßenzügen hat sich -nach dem was ich erkennen konnte- die angestammte Anwohnerschaft noch gänzlich gehalten. Dadurch ist trotz der vielen Touristen dieser Stadteil dennoch lebendig und lebenswert. Man findet nahezu alle Geschäfte für den täglichen Bedarf im Altstadtkern, in Nachbarschaft zu den üblichen Souvenierläden, Cafes, Boutiquen und internationalen Markenoutlets. Ich habe mich mit einer Wahl-Brasoverin unterhalten und sie berichtete mir vom starken finanziellen Druck der auf den begehrten Immobilien der Altstadt liegt und den damit einhergehenden Verdrängungsmechanismen die auf die angestammte Anwohnerschaft einwirken. Dass diese Stadt einen guten Ruf in ganz Rumänien geniesst und dass eine Immobilie hier ein Prestigeobjekt ist, das kann man sich angesichts der offensichtlichen Attraktivität des Ortes denken und es auch deutlich an den im Norden entstehenden Neubauvierteln ablesen, von denen ein nicht geringer Teil als Ferienwohnungen genutzt werden dürfte.

Während die Altstadt ein nahezu orthogonales Straßenraster aufweist, ist die Neustadt sternförmig organisiert. Eine große Nord-Süd Verbindung sowie eine östlich abgehende Haupterschliessungstraße werden dabei von einem Straßenring im Zentrum der Neustadt abgefangen und verteilt. Im Norden, direkt an dieser Ringstraße, liegt der sehr interessante und im Stil der Moderne gebaute Hauptbahnhof, auf den gleichzeitig noch eine zentrale Achse zuläuft (Bulevardul Victoriei).

Der Kern der Neustadt wiederum, also nahezu alles was innerhalb der besagten Ringstraße liegt, ist mit Mehrparteienwohnhäusern, die sehr den Arbeiterwohnungen der 50er Jahre in Deutschland ähneln, oder, besonders entlang der großen Achsen, mit teils monumentalen Plattenbauten oder Großwohnblöcken bebaut.

Im Kontrast zu den meisten Gebäuden der Altstadt oder zu den Vierteln mit kleinteiligerer Bebauung sind die meisten der Wohnsiedlungen schmucklos und sehr nüchtern angelegt. Zwar wurden und werden viele der Wohnblöcke saniert, ihre Substanz ist dennoch von Detailarmut und architektonischer Belanglosigkeit geprägt. Auch die Grün- und Distanzflächen sind anonymer und unbelebter. Oftmals bestimmen Parkplatzflächen das gesamte  Ambiente. Dennoch wirken diese innerstädtischen Wohnblöcke nur selten ärmlich. Auch der Grad der Individualisierungen, besonders an den bereits benannten Balkonen und Wintergartenumbauten, ist zum einen geringer und zum anderen scheinen die neugewonnenen Räume dann häufiger lediglich als Abstellräume -und nicht als Wohnraumerweiterung- genutzt zu werden.

Es scheint, und das lässt sich analog zum unten genannten Aspekt er Einfriedung von Grundstücken betrachten, als ob dem öffentlichen oder halbprivaten Stadtraum keine Aufmerksamkeit geschenkt wird und sich (gestalterisches) Engagement in jeder Hinsicht nur auf das Private bezieht.

Entlang der großen Straßen und Hauptachsen werden die Großwohnblöcke monumentaler, aufwändiger und repräsentativer. Einige bilden wuchtig-symmetrische Torensembles an Kreuzungsbereichen, andere weisen aufwändige, abstrahierte Kollosalgliederungen oder metabolistische Elemente in der Fassade auf, die wiederum in dieser Kombination entfernt an eine Mischung aus postmodernen Zitaten und italienischen Futurismus erinnern. Krude, aber absolut interessant. Selbst am südlichen Stadtrand, direkt am Fuß eines bewaldeten Karpartenhügels wurde eine sehr einprägsam-monumentale Großwohnsiedlung gebaut, die regelrecht ein ‘Tor’ zum Wald hin definiert und mit gestaffelten Treppen- und Terrassenanlagen dem Stadtraum einen sehr pointierten, wenn auch heftigen, Abschluß setzt.

Das Ungleichgewicht zwischen den vielen eher belanglosen Mietskasernen und den bewusst gesetzten architektonischen ‘Extravaganzen’ definieren die Atmosphäre der Neustadt ebenso stark, wie sie sich gleichzeitig auch in der Gesamtschau zu einem nahezu typischen, wenn auch im Detail einzigartigen, Abbild einer kommunistischen Planstadt neutralisieren.

Jenseits der Schienenstränge, welche die Stadt hauptsächlich von Osten nach Westen durchlaufen, liegt das ehemalig Traktorenwerk Brasovs, von dem fast nur noch die wichtigsten Portal und Verwaltungsgebäude erhalten sind, der größte Teil des ehemals riesigen Werkgeländes ist bereits geschliffen worden oder wartet darauf. Die besagten Backstein-Eingangsgebäude im Stil der klassischen Moderne beherbergen jetzt einen Businesspark internationalen Zuschnitts und sind sehr aufwändig und sehenswert Restauriert, aber leider nicht öffentlich zugänglich.

Das ehemalige Werksgelände wird in nördlicher Richtung zunehmend zu einem modernen Gewerbegebiet umgebaut, ein recht großes Shoppingcenter ist bereits in Betrieb. Westlich des Werksgeländes, entlang der Nord-Süd Haupteinfallsstraße, werden neue Wohnviertel hochgezogen. Je näher diese wiederum am Stadtkern sind, umso größer sind die Bauten, fast durchgängig große Mehrparteienhäuser. Erst weit im Norden, nahe des Stadtrandes, sind erste neuere Einfamilienhaussiedlungen zu erkennen. Diese scheinen Inverstoren- bzw. Entwicklerprojekte zu sein, denn sie sind sehr homogen gestaltet und werden mit phantasievollen Namen auf großen Plakaten beworben.

Am nördlichen Stadtrand fasert der Stadtraum regelrecht aus. Kleingewerbebetriebe, die schon etwas ‘angegangen’ aussehen teilen sich die Parzellen mit neu errichteten Wohnbauten sehr einfacher Qualität.

Farbigkeit:

Insgesamt gehört Brasov zu den farblich deutlich homogeneren Orten der Untersuchung, das trifft selbst auf die historische Altstadt zu, die -erwartungsgemäß- eine größere farbliche Vielfalt aufweist als die Neustadt. Jenseits dieser größeren Varianz sind es nach ersten Betrachtungen vor allem Braun- und Rottöne, die in Brasov das farbliche Bild der Stadt prägen. Eine Tendenz, die ich schon im Süden der Ukraine beobachten konnte und die sich hier vergleichsweise stark ausprägt.

In Bereich der Altstadt dominieren als Grundfarben die bekannten hellen Sandstein-, Gelb- und Curryfarbtöne.
Eine durchgängige, also vom Sockel bis zum Giebel einheitliche, Farbgebung konnte ich häufiger beobachten als farblich abgesetzte Sockel, was ebenfalls zur Homogenität des Straßenbildes führt.

Ob nun diese, hellere, Detailierung oder die eingangs erwähnte dunkelrot/braune Akzentuierung in der Altstadt  mengenmässig häufiger vorkommt wird die Auswertung der Aufnahmen evtl. verifizieren können. Subjektiv ist jedoch der dunklere ‘Stich’ der Altstadt vor dem Hintergrund bislang besuchter Städte auffälliger und eindrücklicher, da dieser zumindest aus meinem persönlichen Erwartungsraster heraus fällt. Die Rot- bis Brauntöne varrieren von dunklen Holzfarben über Terrakotta und Dunkelrot-Sandsteinfarben bis hin zu Vollmilchschokoladenbraun. Diese dunkleren Farben werden ab und an mit gesättigteren, etwas leuchtenderen Rottönen kombiniert die wiederum nahe an den Farbe der roten Dacheindeckungen ist. Nahezu durchgängig vertreten sind bei diesen dunkleren Farbgebungen die ebenfalls in dunkelbraun ausgeführten Fensterrahmen und Türen.

Falls die Sockelgeschosse gesondert abgesetzt werden, sind es häufig hellere Farbtöne der gleichen Grundfarbe bei den aufgehenden Geschossen.

Sind es nicht die oben beschriebenen dunkleren Farbgebungen, dann wird, analog zu den bislang besuchten Orten Czernowitz oder Lviv, Hellgrau oder Weiß zur Akzentuierung der architektonischen Gliederung der Fassaden eingesetzt.
Grüntöne, vor allem etwas dunklere, ganz leicht ins gelblich-/moosfarben stechende Farbgebungen sind die dritte Auffälligkeit in der Altstadt. Eine Farbgebung die hier etwas stumpfer ausfällt, aber durchaus häufig auch an Neubauten bzw. sanierten Mehrparteienhäusern zu finden ist.

Da Rosa- oder Hellblautöne, die ansonsten in den besuchten K&K-Altstädten häufiger zu beschreiben waren, hier signifikant seltener und deutlich vereinzelter vorkommen, sind sie zwar mengenmässig fast vernachlässigbar, bilden aber in Brasov deswegen einen umso auffälligeren -solitären- Farbkontrast zum Umfeld.

Wie auf den Aufnahmen zu erkennen, ist die Neustadt über weite Strecken von den verwitterten und ausgegrauten Fassaden der Plattenbauten und ‘Mietskasernen’ geprägt, aber auch -und das ist tatsächlich eine Besonderheit- hier sind die dunkleren Rot- und Brauntöne die vorherrschenden, akzentuierenden Farbgebungen hinter denen alle weiteren Farbigkeiten deutlich zurücktreten.

Diese Beobachtung zieht sich, entlang des Untersuchungsstreifens, durch die gesamte Stadt und gilt daher auch für die kleineren Gebäude und Einfamilienhäuser. Erst zum nördlichern, respektive südlichen Stadtrand hin, vor allem an sanierten oder neuerrichteten Bauten wird die Farbvarianz wieder signifikant größer und leuchtendere Farben (wiederum am häufigsten helle Grün- und Gelbtöne) kommen hinzu.

Exklusiv für Bauten der Nachkriegszeit, insbesondere derer die entweder exponiert-repräsentativ stehen oder gewissermaßen ‘klassisch-modern’ ausgerichtet sind, sind es Ziegelstein-Verklinkerungen welche den Part der roten Akzentuierung oder visuellen Gliederung übernehmen. Einzig das Portalensemble des Traktorenwerkes ist mir als vollständig Ziegelsteinverkleidet in Erinnerung geblieben. Die Farbigkeit der Ziegelsteine wiederum ist deutlich hell und rötlich, weniger ins braune spielend.