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Brest, Belarus

Brest, Belarus

Aufgenommen am 01.07.2015

Stadt:

Wie viele Städte, die vor dem Krieg zu Polen gehörten, so hat auch Brest eine bewegte und vor allem bittere Geschichte: Mit der Verschiebung der Grenze wurde Brest von einer polnischen Stadt zu einer Grenzstadt der Sowjetrepublik Belarus (bzw. Sowjetunion). In der Folge wurden 70% der polnischen Bewohner von Brest vertrieben oder flüchteten in Richtung Westen während im Gegenzug Menschen aus der ganzen Sowjetunion hier angesiedelt wurden. Zusammen mit den Auswirkungen von Krieg und vor allem Holocaust auf die Stadtbevölkerung von Brest kann man ohne Untertreibung sagen, dass die Stadt fast ihre gesamte angestammte und beheimatete Bevölkerung in den Kriegsjahren und kurz danach verloren hat. Das wirkt sich explizit auch auf das Stadtbild jenseits der gebauten Realität aus und hat atmosphärische Auswirkungen bis heute die dadurch verstärkt werden, dass Brest den wichtigsten Grenzübergang von Polen und Westeuropa in Richtung Osten darstellt.

Eigentlich ist Brest von der Struktur her eine mittelgroße (polnische) Stadt, die Infrastruktur für den Grenzverkehr und die vielen Menschen, die hier Zwischenstation einlegen überprägen die Stadt aber baulich und atmosphärisch. Der Bahnhof, die Freihandelszone, Grenzübergang und der mitten in der Stadt gelegene, aus allen Nähten platzende Busbahnhof sprechen hier Bände.

Gleichzeitig versucht Brest sich ein Image als Sport und Urlaubsort zu geben, was durch eine große Wassersport/Ruderanlage und einer für die Stadtgröße erstaunlich groß angelegten Fußgängerzone baulich auch belegt ist. Aber atmosphärisch ist die Stadt ein Durchgangsort, eine Art Hafen dessen Wasserlinie die Grenze zu Polen darstellt.

Dass die Stadt, so glaube ich zu wissen, die zweitgrößte Stadt von Belarus ist, merkt man tatsächlich erst, wenn man sich etwas östlich vom Stadtzentrum bewegt, denn ca. vier Kilometer östlich vom Bahnhof hat die Stadt ihre größte Nord-Süd Ausdehnung.

Das Stadtzentrum selber ist geprägt von einem recht engen rechtwinkligen Straßenraster welches mehrfach durch breitere Alleen gegliedert wird. Diese Alleen sind z.T. als Fußgängerwege ausgebaut. Die überwiegende bürgerliche Vorkriegsbebauung ist im Zentrum zum größten Teil geschlossen und 3 bis 5 geschossig. Man kann die Innenstadt bequem in rund 15 Minuten der Länge nach durchlaufen.

Im Nordwesen begrenzt der Bahnhof das Gebiet der Innenstadt, im Süden bis Süd-Osten begrenzt der Dnjepr-Bug Kanal (?) mit angegliederten Sportstätten und deren zum Teil neuen Gebäuden die Innenstadt und im Westen im weitesten Sinne die Festung von Brest mit seiner sowohl monumentalen -wie auch überaus eigenartigen- Gedänkstätte zur Verteidigung der Festung im 2. Weltkrieg.

In der Innenstadt befindet sich die Fußgängerzone, die Leninstraße großen Verwaltungs- und Bibliotheksgebäuden, sowie einem großen Einkaufszentrum aus der Sowjetzeit. Der lebendige Mittelpunkt der Stadt ist allerdings der Markt und seine große, kreisrunde Markthalle sowie der in Nachbarschaft liegende Busbahnhof.

Jenseits der Innenstadt schließen sich ringsum große Gebiete mit Einfamilienhaussiedlungen an, die hier und da durch eingeschobene Plattenbau- und Großwohnsiedlungen unterbrochen werden. Im Osten, sowie im Süden und am südlichen Ufer des Kanals sind die größten zusammenhängenden Großwohnsiedlungen zu finden.

Ganz im Norden, jenseits des Friedhofs, wächst die Stadt im Moment mit weit angelegten Einfamilienhaus-Neubauvierteln.

So strukturell klar gegliedert und zu erfassen der Stadtkörper ist, so inhomogen und zerfahren ist seine ästhetische und atmosphärische Prägung. Die Gründe liegen in einer Überlagerung aus der oben beschriebenen Hybris zwischen der sozialen Realität als Durchgangsort und seinen wirtschaftlichen Zwängungen in Zusammenspiel mit dem nahezu unverankerten Selbstbild der Stadt als Urlaubs- und Sportstadt. Lediglich in den reinen Wohnvierteln, die einen Großteil der Stadtfläche ausmachen, den weitläufigen Einfamilienhausvierteln sowie den Großwohnsiedlungen, ist die Stadt auch atmosphärisch ‚ganz bei sich‘ oder besser gewissermaßen authentisch. Wobei beide ihrerseits strukturell absolut typische Vertreter ihrer Art sind.

 

Farbigkeit:

Was Brest wirklich einzigartig macht, ist die Buntheit der Einfamilienhausviertel. Während die Architekturen absolut stereotype Vertreter ostpolnischer bis zentralrussischer, meist eingeschossiger Bauweise sind ist ihre Farbigkeit in Brest bunt, detailliert und eigenwillig in der farbigen Flächenaufteilung. Es gibt kaum Bezüge in der farblichen Gestaltung, sondern eher die Tendenz sich vom Nachbarn zu unterscheiden obgleich die baulichen Elemente (Hauskörper, Dach, Einzäunung etc.) die gleichen sind. Es ist schwer zu sagen ob der Wunsch nach Unterscheidung aus der Uniformität der Bauteile und Baukörper entstanden ist, also ein Produkt aus sowjetischer Mangelwirtschaft und dem Wunsch nach Individualisierung, oder ob es eine sich mittlerweile verselbstständigte Haltung handelt. Denn auch die Neubauviertel sind in einigen Teilen ebenso kontrastreich-bunt wie die alten Wohnviertel.

Und auch wenn viele Gebäude, vor allem die Plattenbauten, trotzdem durch ihr ‚Grau‘ (mit den üblichen farblichen Akzentuierungen) gegen diese Buntheit anstehen, so bleibt das bunte Bild der Einfamilienhäuser doch so sehr haften, dass selbst die neugebauten oder sanierten Mehrfamilien- oder Großwohnhäuser mit ihren z.T. schwerfälligen bis strengen Farbkombinationen hier passender erscheinen als irgendwo anders.

Nach Beton/Waschbeton-Grau sind Sandstein-Rot, helles Curry, Ocker und Sandfarben die wohl häufigsten Basisfarbgebungen der Großwohnsiedlungen, gefolgt von blassen lindgrünen bis minzfarbenen Farbgebungen, meist zur Akzentuierung.

Die Innenstadt wiederum ist von hellgrauen und sandfarbenen Gelbtönen geprägt, eine auffällige Akzentfarbe ist im Innenstadtbereich ein helles Rosa. Entlang der Lenin-Straße, also der repräsentativen ‚Prachtstraße‘ werden die Gebäude mit helleren (weiß/hellgrauen) architektonischen Akzentuierungen zu weitestgehend ähnlichen Basisfarben angelegt.

Den einzigen Vertreter sowjetischer Zuckerbäckerarchitektur (Ich empfinde den Terminus des sozialistischen Historismus als ebenso unpassend wie ich das Wort ‚Zuckerbäckerstil‘ lediglich deskriptiv und nicht abwertend verwende.), den ich gesehen habe ist der Bahnhof von Brest, der wiederum typisch mit hellem, gelben Sandstein verkleidet ist.