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Bukarest, Rumänien

Bukarest, Rumänien

Aufgenommen am 31.07.2015

Stadt:
Aus zweierlei Gründen verzichte ich diesmal vollständig auf städtebauliche Notizen meinerseits: Zum einen ist Bukarest sehr gut und leicht auffindbar dokumentiert und zum anderen ist es mir unmöglich diese charaktervolle Stadt auf Grundlage meines Besuches auch nur halbwegs adäquat abzubilden.

Trotzdem denke ich, dass das Wesen der Stadt wohlmöglich sehr einfach und gewissermaßen leichter zu beschreiben ist als das bei den anderen von mir besuchten Städten der Fall ist: Bukarest ist eine atmosphärisch unfertige, baulich gebeutelte, und visuell zergliederte Stadt deren ‘Schönheit’ sich erst im privaten (oder maximal halböffentlichen) Raum entfaltet und vom ständigen Wechseln, vom Kontrast lebt.

Sicherlich, es gibt eine Unzahl an wirklich interessanten und schönen Gebäuden und Orten in der Stadt und ebenso beeindruckend, auf eine gleichsam unwirkliche, wie richtiggehend gruselige Art, sind die Kollosalbauten ‘Ceaușescus’, plus deren städtebauliches ‘Arrangement’. Aber sie alle zusammen ergeben kein klassisch-stimmiges Stadtbild, keine ästhetische oder atmosphärische Einheit da auf eine eigenartige Art und Weise der Stadtraum zerfahren ist, die zu beschreiben mir wirklich schwer fällt.

Ich will dennoch versuchen einige Marker zu identifizieren, die das von mir erlebte Bukarest definieren.

1. Rückzug ins Private:

Mauern, Zäune und Sichtschutz sind, ähnlich wie in Brasov, allgegenwärtig und bestimmen große Teile des Straßenraums der Wohngebiete mit Einfamilienhäusern, kleineren Mehrfamilienhäusern oder Stadtvillen etc.. Sie ziehen die Grenze zwischen dem behüteten, familiären(!) und je nach Möglichkeit umsorgten Raum und dem was in jedem Fall ‘draußen’ ist und im Umkehrschluß keine, oder kaum, Beachtung/Fürsorge durch die Anwohner findet.
Diese Grenze scheint bei den Großwohnanlagen, den Plattenbausiedlungen und großen Mehrparteienhäusern auf die Grenzen der eigenen vier Wände verlegt zu sein, denn viele der von mir besuchten Plattenbauviertel wiesen in der absoluten Mehrheit keine sichtbare Nutzung oder gar private Pflege der Flächen vor und zwischen den Gebäuden auf. Die individuelle -auch baulich verändernde- Ausgestaltung der Balkone und Wintergärten war, wie schon oft beschrieben, gewohnt intensiv und ausgeprägt.
In den Neubauvierteln im Norden der Stadt sind die Wohnanlagen Inselartig zu Ensembles mehrerer Gebäude zusammengefasst eingezäunt, Gated Communities.
Einmal den Blick für dieses Phänomen geschärft habe ich das Gefühl mehr Abgrenzung und Bewachung des Privaten beobachtet zu haben, als in allen anderen bisher besuchten Städten.

Zwei Ausnahmen müssen hierzu noch genannt werden, denn auch diese sind für mich im gleichen Maße prägend wie die oben beschriebene Einschätzung: In den Parks und Grünanlagen der Stadt wird der öffentliche Raum individuell und durchaus privat angenommen bzw. genutzt. Ob es Schachspielergruppen sind, die ganze Tage hier verbringen oder Skateboarder, Familien auf Decken, Musiker die üben oder unterhalten etc..
Zum zweiten sind es die Hinterhofkneipen und Restaurants die vor allem auf jüngeres urbanes Publikum zielen und eine bemerkenswerte privat-entspannte Atmosphäre zumindest, für diese (urbane/hippe) Teilöffentlichkeit, bereithalten, die sich vor allem durch eine atmosphärische Unaufdringlichkeit im Gegenüber von Betreibern und Gästen, als auch im Miteinander der Gäste auszeichnet.

2. Die Folgen von Ceaușescus Umbauten, der vorangegangenen Erdbeben, des herrschenden Verwertungsdrucks:

Ein Erdbeben 1977 war Auslöser und Anlass Bukarest radikal mit monströser Repräsentationsarchitektur neu zu ordnen. Hierfür wurde mit den Aufräumarbeitendie Mitte der Stadt völlig neu definiert und mit dem ‘Palast des Volkes’ als Gravitationszentrum die bekannten Boulevards und Rondelle, flankiert von kolossalgegliederten Verwaltungs- und Wohnanlagen errichtet. Diese sind auf der einen Seite schlicht gewaltig, fast dimensionslos und auf der anderen Seite im wahrsten Sinne des Wortes Fassadenarchitektur, Die Rückseiten der Gebäude sind unverziert und entbehren jeder ästhetischen Qualität. Ich weiß nicht ob es finanzielle Limitierung, Zeitdruck oder erklärtes Ziel der Gestaltung war eine auf den Straßenraum ausgerichtete Fassadenarchitektur zu errichten, der Effekt ist aber, dass man das Aufgesetzte spürt, selbst wenn man nur die Boulevards entlanggeht. Und selbst die aufwändig gegliederten Schauseiten zeigen, dass die Verzierung und Fassadenaufteilung oftmals stark auf Kosten der Raumnutzung- und Qualität geht. Unnutzbare Kleinsterker, Minibakone und absurde Fensteraufteilungen und -Größen lassen erahnen wie stark der Fokus auf die städtebauliche Geste zielte.

Und selbstverständlich wirkt der dimensionslos-große, diktatorische, menschenverachtende Gestus der riesigen Strukturen auch heute, trotz Umwidmung und Umbenennung. Den Geruch des Totalitären wird die Architektur nicht los und es scheint mir unmöglich unvoreingenommen diesen Räumen und Orten zu begegnen.

Auf der anderen Seite liegt der Wucht und Konsequenz der Geste natürlich eine Faszination inne, wie es häufig bei den Architekturen der Macht ist. Das ist ebenso gewollt, wie unausweichlich -auch- faszinierend. Ein perfides Paradoxon, egal ob in Moskau, Warschau, Washington oder Nürnberg.

Nicht ganz so kohärent in der stilistischen Erscheinung stehen an zweiter Stelle der prägenden Eingriffe in das Stadtbild der vielen Büro-, Geschäfts- und Verkaufsbauten der Nachwendezeit. Diese wollen häufig den größtmöglichen Kontrast zu allem was sie umgibt, sind ebenfalls groß in der Geste und erzeugen durch den Einsatz von Stahl/Glasfassaden und riesigen LED-Displays einen atmosphärischen Abstand zur Umgebung der wiederum den dritten Punkt meiner Auflistung befeuert:

3. Zergliederung und Vereinzelung:

Wiederaufbau, Umbau und in neuerer Zeit bauliche Verdichtungen haben die gewachsenen Teile der Stadt zergliedert und aufgesprengt. Gerade im Innenstadtbereich herrscht ein dichtes Nebeneinander verschiedenster Baustile, Epochen und Zustände. Vieles wurde und wird überformt, ausgebessert ohne wirklich Bezug zur Nachbarschaft herstellen zu können. Und mit Ausnahme der hochpreisigen Hotel- und Einkaufsstraßen der Altstadt liegt über allem noch ein sehr präsenter, lauter Layer der Außenwerbung was wiederum den Eindruck der Inhomogenität auf ‘Augenhöhe’ verschärft.

Um- und Anbauten, Aufstockungen, selbst Neubauten scheinen keiner Gestaltungsatzung zu folgen, was die Varianz an Formen und Baukörpern noch erhöht- es scheinen, besonders bei neueren Bauvorhaben, mehr Ausnahmen als Regeln zu existieren oder zur Geltung zu kommen.

Es gibt,  auch jenseits der stereotypen Plattenbausiedlungen, Viertel die eine bauliche, stilistische und atmosphärische Durchgängigkeit besitzen, diese fallen aber förmlich aus der Reihe…oder besser in der Summe kaum ins Gewicht.

4. Schlechte Bausubstanz:

Große Teile der Stadt sind in einem wirklich schlechten baulichen Zustand. Fassaden zerbröseln und sind vorn Abgasen grau, wahrnehmbar viele unbewohnbare Ruinen, halbfertig gebaute Hinterlassenschaften der letzten Tage der Diktatur und heruntergewirtschaftete Großwohnsiedlungen. Vieles was mal Qualität besaß wurde, oder besser konnte, nicht gepflegt werden und vieles was in den 70er bis 80er Jahren hochgezogen wurde war im Ansatz schon mangelhaft. Rumänien ist ein armes Land, der Zustand der Gebäude in der ohnehin schon verhältnismäßig teuren Hauptstadt spiegelt dies eindrücklich. Wo ein wenig Geld vorhanden ist, wird improvisiert und ausgebessert, wo ein Grundstück mit (Teil-)Ruine in das Blickfeld von Investoren gerät, wird abgewartet bis die Zeit eine Sanierung unmöglich macht.

Trotzdem (und mit Nachdruck):

Bukarest lebt von diesen Kontrasten und Brüchen, zeichnet sich auf eine ganz eigene Art und Weise durch diese aus und besitzt auch aus den oben genannten Gründen eine einzigartige, spannende Atmosphäre.
Die Dichte der Innenstadt, die ständigen Wechsel an Stilen und Atmosphären, die allgegenwärtigen Ausbesserungen und Improvisationen sind faszinierend und lenken den Blick immerfort auf ein neues Detail oder eine weitere Überraschung.

Selbstverständlich gibt es in Bukarest eine Vielzahl an bemerkenswerten und hervorragenden Bauwerken aller Epochen, auch hier verweise ich auf die gut zugänglichen Dokumentationen. Und auch der Stadtraum ist an vielen Stellen atemberaubend und eindrücklich. Mich haben insbesondere einige Art Deco Bauten in der Nähe der Nationalgalerie beeindruckt, ein Viertel mit Einfamilienhäusern im allerfeinsten Bauhaus-Stil im Osten der Stadt sowie eine Reihe von Gebäuden aus kommunistischer Zeit deren ästhetische Qualität ebenso eigenständig wie überragend ist.

Bukarest ist die Stadt der runden Ecken, das dürfte das signifikanteste bzw. durchgängigste architektonische Merkmal sein. Angefangen bei auffällig vielen historischen Bauten über etliche Vertreter der Moderne bis hin zu den Kolossalbauten tritt das Motiv des runden Abschlusses, der rund übergreifenden Balkone oder sogar des runden Turmbaus an der Straßenecke sehr häufig auf. Diese Vorliebe für die Ausrundungen des Baukörpers ist mir bereits in Brasov aufgefallen, ich werde im Nachgang zur Untersuchung versuchen herauszufinden in wie weit dies eine rumänische Spiel- oder Eigenart ist.

Farbigkeit:

Bukarest weist eine sehr homogene farbliche Prägung auf das liegt zum einen am Einfluss der großen Umwälzungen in der Zeit des Kommunismus und zum anderen am baulichen Zustand der Stadt.

Die Innenstadt der Umbauten Ceaușescus ist einddeutig geprägt von Travertin und Sandsteinfarben, völlig durchgängig und homogen. Je repräsentativer die Gebäude oder je besser die Lage zum Palast des Volkes um so größer ist der Anteil echter Steinverkleidungen, ansonsten wird der Farbton des Steins durch Farbauftrag auf die Betonstruktur imitiert

Der zweite, und in der Gesamtheit deutlich größere Teil, ist geprägt von Grau- und Schmutzfarben, bedingt durch die schlechte Bausubstanz und Einwirkung der Abgase. Historische Bauten zeigen häufig die bekannten gelblichen (siehe unten) Farbtöne als die eigentliche Fasadenfarbe, sind aber derart verwittert, dass es die ursprüngliche Farbgebung fast nur erraten werden kann.

Neuere Bauten und vor auch die hier sehr in Mode gekommenen WDVS-Sanierungen sind in der Mehrzahl in den hinlänglich bekannten Curry/Sandstein/Hellockerfarben angelegt.

Ähnlich zu Brasov ist auch in Bukarest die am häufigsten zu beschreibende Akzentuierung ein dunkles Rotbraun, zwischen Terrakotta und Ochsenblut oder Burgund. Dies zieht sich quer über alle Baustile und Epochen hin.

An dritter Stelle kommen Grüntöne vor, sowohl an Bauten aus der Moderne wie auch an sanierten Plattenbauten oder Mehrparteienhäusern. Eine eindeutige Tendenz zu bestimmten Grüntönen oder Sättigungen konnte ich allerdings nicht feststellen, sie traten sehr variantenreich auf.

Auch wenn die beschriebenen Gelb/Rot Kombinationen auch an den kleineren Privat- und Einfamilienhäusern in der Gesamtschau am häufigsten zu beobachten sind, so ist bei diesen Bauten noch die größte Varianz anzutreffen. Entweder neu errichtete Bauten oder sanierte Gebäude weisen dann vereinzelt oder in sich gegenseitig befeuernden Nachbarschaften sehr variantenreiche und bunte Farbgebungen auf.
Hier scheint eine gewisse Vorliebe für weniger gesättigte, helle Farbtöne vorzuherrschen. Hellblau, Hellgelb (fast Pastellgelb) und Rosatöne sind häufiger zu sehen.

Einzig die Individualisierungen der Balkone und Nischen der Plattenabauten und großen Wohnhäuser jenseits der Innenstadt zeigen wirklich intensive und gesättigte Farbgebungen, hier wiederum ist, wie ebenfalls schon häufiger beobachtet, keine Farbpräfenrenz, sondern eher die Unterscheidung zum Nachbarn/zur Umgebung als Muster feststellbar.

Neuere Geschäfts- und Bürobauten sind größtenteils mit Stahl-Glas Fassaden ausgestattet, je älter die Gebäude sind, umso häufiger ist das Glas metallbedampft und dadurch spiegelnd.

Eine große Buntigkeit und starke Farbkontraste im Straßenraum wird durch die überstarke und scheinbar ungereglete Bespielung mit  Außenwerbung und Reklamebannern hervorgerufen.