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Czernowitz, Ukraine

Czernowitz, Ukraine

Aufgenommen am 22.07.2015

Stadt:

Der Stadtkern von Czernowitz liegt auf einem Hügel im Karpartenvorland der ukrainischen Bukowina und weist eine weit über den Stadtkern hinaus gehende intakte historische Bausubstanz auf. Während vor allem im Bereich der Innenstadt  z.T. spektakuläre Gebäude aus der K&K-Zeit zu sehen sind, so sind auch in nördlicher Richtung bis hinunter zum Fluß (Pruth) enorm viele Bauten aus vorkommunistischer Zeit erhalten geblieben. Es ist gleichsam die Flucht zwischen Bahnlinie und Flußlauf im Norden, sowie ungefähr die Höhe der Ul. Sadova im Süden, welche die Grenze der urbanen Blockrandbebauung definiert. Die gleiche Grenze gilt auch für die im Stadtbild wahrnehmbare Dominanz von historischen Bauten bzw. Bauten aus der vorkommunistischen Zeit.

Der zentrale Platz ist stimmiger Weise gleichlautend benannt, heißt aber auch Austria Platz. An seinem Kopfende steht das Rathaus und die wichtigsten (und repräsentativsten)  Straßen, Plätze und Bauwerke sind von hier aus in direkter Straßenlinie zu erreichen. Auch wenn das Stadtzentrum flächenmässig nicht allzu groß ist, es fühlt sich durch Blockrandbebauung, lange Straßenfluchten in gerader Linie und den immer wieder vor den repräsentativen (und/oder ‘wichtigen’ Gebäuden) angelegten Plätzen und Parkanlagen sehr erhaben und ‘groß’ an.

Die ehemalige Residenz, heute Universität, auf dem Residenzhügel ist sogar in die UNSECO-Weltkulturerbeliste aufgenommen worden. Die Universität, Theater, die Kathedrale des heiligen Geistes und auch die Fußgängerzone und Einkaufstraße (Herrengasse/Ul. Ohla Kobylianska) sind in einem sehr gut restaurierten Zustand, wie eben häufig in den historischen Stadtkernen auf dieser Reise.

Dadurch, dass im gesamten Innenstadtbereich vorwiegend historische Bausubstanz erhalten ist, sind es die Straßenzüge jenseits der oben genannten Bauwerke und Plätze, welche die Atmosphäre der Stadt prägen. Die Gebäude stehen voll im ‘alltäglichen’ Gebrauch und werden z.T. Recht pragmatisch genutzt und angepasst ohne dabei in der Gesamtheit das Bild eines südlichen K&K-Außenpostens wesentlich zu beeinträchtigen. Es scheint eher, dass der unmuseale, aber gewissermaßen respektvolle(?) Umgang mit der Architektur diesbezüglich den Ausschlag in Richtung atmosphärische Authentizität gibt, der an anderen Orten durch Gentrifizierung und Verwertungsdruck überlagert wurde.

Natürlich sind verwitterte Fassaden an historischen Gebäuden ebenso wie gealterte Materialien oder ‘schwierige’ Straßenbeläge in engen, aber befahrenen und belebten Straßen Trigger einer romantisch-verklärten Sicht auf die Verhältnisse. Zum einen kann man sich dem, besonders als Westeuropäer, nicht vollständig entziehen und zum anderen baut beispielsweise das süditalienische Tourismusmarketing seit bestimmt 70 Jahren auf genau solche Atmosphären. Nur um das Gesehene ein wenig einzusortieren.

In südlicher Richtung des Untersuchungsgebietes schließen sich an die Innenstadt Wohnviertel an. Zunächst ein Villenviertel mit großen freistehenden und größtenteils historischen Villen aus der Jahrhundertwende 19./20. Jahrhundert. Einige auffallend gelungene Villen aus den (vermutlich) 50er/60er Jahren sind ebenso eingestreut wie einige neu gebaute Vertreter, denen der Hang zur Repräsentation und Mode im architektonischen Ausdruck nicht gut bekommt.

Hiernach beginnen die Stadterweiterungen aus kommunistischer Zeit. Zunächst viergeschossige Mehrparteienzeilen und später, in Richtung Stadtrand, Großwohnbauten und Plattenbausiedlungen.
Eine Art Schallgrenze was die Qualität und den Zustand der Bauten angeht, insbesondere der Plattenbauten, ist der schön angelegte und sehr belebte Zhovtnevyi Park. Jenseits des Parks in Richtung Süden wirken die Siedlungen vernachlässigter und ärmlicher. Der zusammenhängende Stadtraum endet an der Pivdenno Kiltseva Straße gegenüber einer Kleingartensiedlung mit einer typischen ‘Wand’ an Plattenbauzeilen recht abrupt.

In Richtung Norden, vom Stadtzentrum aus, stellt der Bahnhof im ungefähren die Grenze der reinen Wohn- und Geschäftsbebauung dar. Jenseits seines Schienenstranges sind bis zum Flußufer vermehrt Kleingewerbestrukturen sowie Lager-/Logistikbauten anzutreffen, nach Überquerung des Flusses werden die Gewerbeeinheiten größer, bis hin zu einem größeren Industrieareal, das offensichtlich der Zement- sowie Betonproduktion gewidmet war und heute in Teilen zerfällt.

Noch zum Stadtgebiet gehörend und über ein/zwei Verbindungssträßchen (erdgebunden) an das Industriegebiet angeschlossen, ist ein straßendorfartiger Stadtteil, ausschließlich mit den hier so oft genannten freistehenden Eingeschossern. Was mich allerdings erstaunte ist, dass viele dieser Häuschen offensichtlich deutlich jünger sind, als ich bisher angenommen hatte. Es gab einige Giebeldatierungen welche die 1950er bis 70er Jahre als die Baujahre der Häuschen auswiesen, ich hatte bisher die Häuser in die Jahrhundertwende verortet.

Die Stadt ist in allen Vierteln für sich und in ihrer Gesamtheit sehr homogen, was ebenfalls zu ihrer atmosphärischen Stimmigkeit und überaus attraktiven Ausstrahlung beiträgt.

Vielleicht liegt es an dem Kontrast zu Ternopil, dass ich dieser Stadt auf ästhetischer und atmosphärischer Seite sehr viel abgewinnen kann, aber diese -auch oberflächlich wirkende- Attraktivität zieht, ein Selbstläufer, ungleich mehr Besucher, darunter auffällig viele junge Menschen, an.

Ich kann mir vorstellen, dass besonders durch die Universität die Stadt zu Vorlesungszeiten nochmals einen Schub an Lebendigkeit erfährt, man spürt diese Energie allerdings auch in der Sommerpause.

Farbigkeit:

Mehr noch als die Bausubstanz ist es in meinen -durchaus wertenden Augen- die Farbigkeit der Innenstadt welche Czernowitz entlang meiner Route zu einem besonders interessanten und eigenständigen Ort werden lässt. Farbigkeit, im Sinne von verspielter Buntheit sowie die in der Wahrnehmung untrennbare Materalität, insbesondere der Grad der Verwitterung und Alterung der Oberflächen, deren Texturen und Strukturen, markieren auf dieser Route den Wechsel von Osteuropa zu nun und eindeutig Südosteuropa. Mit deutlicher Gewichtung auf den Süden.

Anders als beispielsweise in Lviv, und damit ebenso als Vertreter einer ‘K&K-Stadt’, sind hier zudem die repräsentativen Gebäude in größerer Varianz farbig angelegt. Das Rathaus ist hellblau mit dunkelblau abgesetztem Sockel, die Farbkombination Mintgrün/Rosa für Sockel und Fassade hatte ich mehrfach gesehen, die Heilg-Geist Kirche ist in einem kräftigen Pink mit kobaltblauem Tympanon angelegt. Selbst bis in die weniger ‘populären’ Straßen des alten Stadtkerns sind es leuchtende, kräftige und z.T. auffällig gesättigte Farben die in munterer Abwechslung die Fassaden prägen. Selbst die Helligkeiten der Farbgebungen variieren stark, ein Gebäude in dunklem Tannengrün steht ohne weiteres neben einem hellgelben, fast ins zitronenfarbene gehenden, Gebäude.

Es wäre interessant zu erfahren warum ausgerechnet die Fußgängerzone hier in das bekannte hell-sandstein-gelb-farbene Schema verfällt und hier deutlich weniger Gebäude bunte Farbigkeiten aufweisen, als in den benachbarten Straßenzügen. Und wenn das eine neuere Entwicklung ist, dann interessiert mich wie lange diese schon Bestand hat.

Ich hatte versucht Kontakt zur Architekturfakultät in Czernowitz aufzunehmen, dies gestaltete sich überaus schwierig, mein Versuch an der Unversitätspforte eine Auskunft zu erlangen wurde mangels meiner Ukrainischkenntnisse wohl als Frage nach einer Architekturführung verstanden. Fünf Minuten später wurde ich einer Führungsgruppe, auf Ukrainisch, zugeteilt und konnte so die ehemalige Residenz, ein prachtvolles rotes Backsteinensemble von 1882, sogar von Innen besichtigen. Ich gehe davon aus, dass meine Visitenkarte an einen Kollegen weitergeleitet wird.

Ein weiteres Indiz für die Zuordnung zur (lange noch nicht bewiesenen) Farbheimat Südosteuropas ist das ‘plötzliche’ verstärkte Aufkommen dunkler Braun und Rottöne, auch gerne in Kombination beider Farbigkeiten. Schokoladen bis Kastanienbraun sowie Dunkelrot-Sandstein, Ochsenblut-Rot bis Bordeaux nehmen im Stadtraum diesmal einen wahrnehmbar hohen Anteil der Fassadenfarben ein. Diese Beobachtung schliesst sogar alle Bautypen und Baujahre ein, mit einziger Ausnahme bei den Plattenbausiedlungen am südlichen Stadtrand.

Die Nähe zu Rumänien bzw. eine gefühlte ‘bukowinische’ Identität spiegelte sich in vereinzelten, und nur an Einfamilienhäusern/Villen, vorkommenden vollflächigen Keramikfassaden in hoher Buntheit. Ich kenne ähnliche Gestaltungen vor allem aus dem Banat und assoziiere sie damit mit ländlicher, rumänischer Architektur.

Die gleiche -gefühlte- Zurodnung gilt für das Vorkommen von größere Flächen an getriebenen und reich verzierten unlackierten, teils polierten Blechverkleidungen an Giebeln und Begrenzungen der dörflichen Bauten am nördlichen Stadtrand.

Die Beschreibung der Farbigkeit und Materialität der untersuchten Platten- und Großwohnsiedlungen kann ich an dieser Stelle aussparen, sie ist nahezu deckungsgleich mit den Beobachtungen in Ternopil oder Lviv. Der einzig wirklich relevante Unterschied ist zum einen das Fehlen der typischen Formstein-Ornamente über den Eingängen und vertikal entlang der Treppenhäuser bei den Plattensiedlungen am äußersten Stadtrand. Es sind gleichzeitig auch die Bauten mit der geringsten Qualität in der Ausführung, des Zustandes und des Umfeldes.

Mit der zunehmenden Einfachheit der Plattenbauten zum Stadtrand hin nehmen auch die verzierenden farbigen Keramikbesätze der vorgefertigten Wandplatten ab und werden durch ein in der Summe tristes Sichtbeton-Grau (oder ‘Verwitterter-Anstrich-Farben’) ersetzt.Die Volumina der Baukörper sind dort einzig durch die tiefschwarzen und überdicken Linien der dauerelastischen Fugenmasse gegliedert.