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Daugvapils, Lettland

Daugvapils, Lettland

Aufgenommen am 20.06.2015

Stadt:

Daugvapils ist die zweitgrößte Stadt Lettlands und war mir vor dem Besuch völlig unbekannt. Die Stadt ist sehr eigenartig strukturiert, wohl ein Resultat sozialistischer Stadtplanung. Zum einen gibt es einen Altstadtkern, der mit Kirchen, Universität, Fußgängerzone und großen Wohnbebauungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sehr urban -und tatsächlich der bewohnermäßigen Größe der Stadt- angemessen wirkt. Dieser Stadteil fällt allerdings an seinen Rändern sofort in eine Mischung aus kleinen Holzhausarchitekturen des 19. Jahrhunderts und eingestreuten Plattenbauten auseinander. Die Nachbarschaft eines urbanen und sehr gepflegten Altstadtkerns zu den ausfransenden Wohnvierteln allein hat bei mir die Assoziation zentralrussicher (oder ukrainischer etc.) Städte hervorgerufen.

Verstärkt wird dieser Eindruck von einer großen hauptstrassenartigen Magistrale, die exakt am Altstadtkern vorbei, durch die ganze Stadt führt und von größeren Bauten aus der Sowietzeit (und neuer) flankiert wird. Direkt in zweiter Reihe allerdings wird die Bebauung wiederum deutlich kleiner und unrepräsentativer, also wie zuvor beschrieben. Ein kulissenhafter Prospekt wie aus dem Bilderbuch der zentralisierten Stadtplanung.

Weiter Richtung Stadtrand schliessen sich Großwohnsiedlungen an, die in Zustand und ihrer typischen Belebtheit nochmals die Atmosphäre einer russischen Stadt hervorrufen.

Mit etwas Abstand zum Stadtgebiet von Alt- und Neustadt liegen im Norden ein Naherholungsgebiet an einem großen See mit Internat, Wanderheimen und Sportanlagen sowie einigen älteren Holzvillen und im Westen eine mittelalterilich wirkende Befestigungs-/Kasernenanlage aus dem 19. Jahrhundert. Hier ist auch in einem der Hauptgebäude ein großes Mark Rothko Museum untergebracht, das sicherlich die größte kulturelle Attraktion der Stadt darstellt.

Einmal eingeschossen auf den ‘russichen’ Charakter von Stadt und Bewohnern, kommen die ‘Beweise’ auf Schritt und Tritt: Große marktartige Einkaufshallen bestückt mit einer Unzahl an Einzelhändlern, die tatsächlich vom Rasenmäher bis zum Badeanzug alles verkaufen, was sich günstig aus China oder Russland herbeischaffen lässt. Die Alten sitzen auf den Bänken vor ihrer Platte und in den Gärten wird nur nebenbei zur Zierde und hauptsächlich zum Eigenverzehr angebaut.

Bei ‘kleineren’ Städten lässt es sich deutlich leichter behaupten als bei den vorher besuchten Metropolen: Diese Stadt scheint 2015 ziemlich bei sich zu sein und wirkte sehr lebendig, angenommen und lebenswert.

Nur, ebenfalls eigenartig, mit dem schönen Fluß, dessen Namen die Stadt auch noch trägt, hat die Stadt so gar nichts zu tun.

Farbigkeit:

Analog zu den beschriebenen Stadteilen ist die Farbigkeit der Stadt aufgeteilt.
Die Plattenbauviertel und ihre in der Stadt verstreuten Vertreter sind, so sie noch nicht saniert worden sind, betongrau mit den typischen farbigen Akzenten an Treppenhausverkleidungen oder -individualisiert- an den Balkonen und Wintergärten.
Es sind allerdings eine wahrnehmbar große Zahl, bei weitem nicht die Mehrheit, an Plattenbauten saniert worden, z.T. mit Kunststein/Eternitvertäfelungen oder WDVS. Die vertäfelten Bauten sind ‘lauter’, gesättigter und fast in ‘Pixelfassadenoptik’ angelegt, die verputzten z.T. wohltuend zurückhaltend akzentuiert, in gedeckteren Farben oder mit punktuellen Verklinkerungen.

Die militärischen Bauten der Befestigungsanlage sind allesamt in warmen, sandigen, manchmal ins rötliche laufenden, Gelbtönen verputzt oder verkleidet. Dieser Stadteil, es leben auch einige Menschen hier, wirkt durch die rigide Rasterstruktur, der gleichförmichkeit der Kubaturen und durch die durchgängige Farbigkeit derart homogen, dass er zum einen eine konstruierte, filmkulissenartige Atmosphäre aufbaut und zum anderen jede Abweichung (es gibt ein paar Plattenbauzeilen) angenehm auffällt.

Einem ähnlichen Farbschema, allerdings stärker durch Ausnahmen durchbrochen, folgt die Altstadt. Vor allem die Fußgängerzone ist stärker mit weißen und hellgrauen Gebäuden versehen.

Richtig bunt wird’s bei den Holzhäusern, hier habe ich die ersten fliederfarbenen und violetten Anstriche auf der Reise gesehen. Unmöglich eine Beziehung der Farbgebungen zu irgendwas herzustellen. Die Ähnlichkeiten der Kubaturen und Detaillierungen zueinander halten diese Viertel optisch stärker zusammen als es die Oberflächengestaltung schafft.

Interessant, dass die wenigen Einfamilienhaus-Neubauten in der Farbgestaltung ähnlich stark variieren, ein eindutiger Trend zu einer Farbigkeit liess sich ebenfalls nicht ausmachen. Höchstens die Materialität der Oberflächen, namentlich Rauputz, scheint hier die Holzverkleidung bei den Neubauten langsam aber sicher abzulösen.