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Enlighten Me

Enlighten Me – Workshop in Danzig

Exkursion und Workshop in Kooperation mit der Kunstakademie Danzig 12.-19.10.2014

Prof. Markus Pretnar (HS-Mainz/Innenarchitektur) Prof. Halina Kościukiewicz (ASP-Gdansk) Assistenz: Filip Ludka (ASP-Gdansk) 12 Deutsche und 12 Polnische Studierende der Innenarchitektur & Kunst der beiden Hochschulen

 

Eine Backsteinwand eines Hauses aus den Nullerjahren des vorigen Jahrhunderts in Danzigs Niederstadt. Die Fassade ist zernarbt von kleinen, runden Abplatzern die sich wolkenartig auf halber Höhe über die gesamte Front verteilen. Hunderte rundliche Löcher sind Zeugen der Kämpfe des zweiten Weltkriegs, es sind Einschusslöcher von Maschinengewehren. Viele Häuser hier tragen diese Spuren.

Ein, zwei Salven der Einschusslöcher sind jetzt in der Dunkelheit besonders gut zu erkennen, denn sie leuchten. In etwa 250 Löchern stecken weiße ‚LED-Stickies‘, also LED die durch Knopfzellen zum Leuchten gebracht werden und mittels Knete an der Fassade haften. Die LED werden vielleicht zwei, drei Nächte lang die Spuren nachzeichnen, dann gehen sie aus. Die Knete wird sich vom Backstein lösen. Dann steht die Wand wieder da, wie sie die letzten 70 Jahre gestanden hat.

Dieses kurze Nachzeichen der Spuren der Vergangenheit ist die Installation ‚Enlighten Me‘ und der Abschluss eines einwöchigen Workshop Studierender der Studiengänge Innenarchitektur und Kommunikation im Raum in Kooperation mit Studierenden der Kunstakademie Danzig. Thema des Workshops war die Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen von Ort und Identität.

Die ‚Dreistadt‘, also die Städte Danzig, Gdynia und Sopot gehören sicherlich zu den bekanntesten und meistbesuchten touristischen Destinationen Polens. Die pittoreske Altstadt der Hansestadt Danzig grenzt unmittelbar an Gdynia und damit an die berühmte Werft (Stocznia Gdynia ) samt neu eröffneten Museum zur Geschichte der ‚Solidarność‘. Wiederum direkt daneben liegt Sopot, das mondäne Seebad mit der bekannten Holzmole.

Das Angebot an Restaurants, Cafés und Kulturangeboten konzentriert sich rund um die touristischen Hotspots. Die angrenzenden Stadtviertel werden auf Grund Ihrer Lage zunehmend attraktiver für ein finanzkräftiges Klientel, welches die malerische Kulisse an der Mottlau zunehmend für sich erschließt.

Das Viertel im Südosten, die Danziger Niederstadt (Dolne Miasto), wird in naher Zukunft starke Veränderungen erfahren, denn es bietet den idealen Nährboden für Gentrifizierung: Die Lage direkt am Wasser, unsanierte, großzügige Altbauten und Backsteinfabriken, noch bewohnt von den ärmeren Bevölkerungsschichten, aber schon hier und da begleitet von Pionieren der Kreativ- und Kulturszene, die billigen Raum für Ihre Projekte nutzen, machen das Viertel zunehmend hip und somit Interessant für eine ‚sozioökonomische Aufwertung‘.

Das interessante für uns Gäste aus Mainz war festzustellen, dass dieser Prozess der sogenannten Aufwertung bei uns in weiten Teilen abgeschlossen und im Vergleich langsamer verlaufen ist, als es in Polen der Fall ist. Zum einen staunten die Studierenden angesichts der zahlreichen alten und unrestaurierten Gebäude in absoluter Innenstadtlage. Zum anderen scheinen, im Gegensatz zur Situation bei uns, unsere polnischen Kollegen und Kommilitonen deutlich pragmatischer und bewusster mit diesem Prozess umzugehen. Wo wir einen romantischen, fast verklärten Blick auf die ‚unverbastelten‘ baulichen Verhältnisse haben, sehen die Danziger Gestalter vor allen die Chance zur Verbesserung der Stadtstruktur im Sinne einer einzigartigen lokalen Identität ebenso wie, ganz konkret, der Verbesserung der baulichen Substanz für die ursprünglichen Bewohner des Stadtteils.Die Gestalterszene engagiert sich für Dolne Miasto. Zwei Projekte sind hier besonders zu nennen: Ein nur teilweise öffentlich gefördertes Kunstraumprojekt beschäftigt sich mit der Niederstadt Danzigs und betreibt einen Ausstellungsraum sowie eine Außenraumgalerie um vor Ort durch die Präsenz von unbequemer Kunst im öffentlichen Raum ein Gegengewicht zum den weichgezeichneten Bildern des Immobilienmarktes zu etablieren.

In einer großen ehemaligen Munitionsfabrik hält der Besitzer der weitläufigen Backsteinbauten riesige Flächen geduldig und mit viel Improvisationstalent in Erwartung auf eine zukünftige kreative Szene frei. Diese soll nach seinem Wunsch nach und nach die Anlage mit ‚echten‘ Leben füllen, als Gegenentwurf zur zu erwartenden Umnutzung der hohen Produktionshallen zu Loftwohnungen für ein zahlungskräftiges Klientel.

Die Installation, welche 12 deutsche und 12 polnische Studierende von der Ideenentwicklung bis zur Umsetzung erarbeitet haben, will keine Antwort auf die Fragen und Logik der Gentrifizierung geben, auch der historische Hintergrund tritt hinter der atmosphärischen Wirkung an diesem Abend bewusst zurück. Zwei Straßenzüge weiter werden die ersten Backsteinfassaden frisch verputzt, Spuren werden überdeckt, Raum für Neue geschaffen. Ort, Zeit und Identität im Stadtraum bedingen und beeinflussen sich permanent.

Dieses kurze Aufflackern heute Abend zeugt vom Wandel, eine Wertung bringt die Zeit.

 

 

Bilder: Hella Vohrmann, Gesine Fels, Filip Lutka, Prof. Pretnar