Roue-LK-2015-grob

FAQ Lokalkolorit 2015

 

Was ist ‚Lokalkolorit‘?
Lokalkolorit ist ein Forschungsprojekt an der Hochschule Mainz, Fachbereich Gestaltung im Studiengang Innenarchitektur von Prof. Dipl.-Ing. Markus Pretnar.
Das Projekt erprobt eine Methode zur einfachen Erfassung der farblichen Identität von Städten und Ortschaften. Die Methodenerprobung soll Erkenntnisse bezüglich der farblichen Erfassung des Zusammenspiels von Farbe, Raum, Stadt und Wahrnehmung erbringen und gleichzeitig eine erste Kartografie lokaler farblicher Muster im räumlichen Zusammenhang ergeben.

Was ist der Anlass für das Forschungsprojekt?
Ich unterrichte das Fach ‚Farbe und Raum‘ am Studiengang Innenarchitektur, die Frage nach der farblichen Identität von Räumen ist eine basale Frage der Raumgestaltung.  Der Wunsch nach funktionaler Farbgestaltung, im Sinne psychologisch oder sozio-kultureller Wirkungen, ist groß. Gleichzeitig ist Farbe individueller Bedeutungsträger und zudem emotional erfahrbar, damit entzieht sich das Farbliche an diesem Punkt einer allgemeingültigen Funktionalisierung.
Eine Arbeitshypothese des Projektes ist, dass es lokal bezogene Farbkulturen gibt welche die Identität und die Wahrnehmung von Orten beeinflussen. Eine Erfassung und Beschreibung dieser ‚Lokalkolorite‘ kann in der Folge eine Basis für weitere Erkenntnisse in der Farbgestaltung darstellen.
Vor allem vor dem Hintergrund einer globalisierten Medienästhetik, weltweiten Marketingstrategien sowie dem unbestimmten Gefühl, dass sich Innenstädte visuell und atmosphärisch immer weiter angleichen, können die Ergebnisse dieser Arbeit Ansatzpunkte zur differenzierten Auseinandersetzung mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit farblicher Gestaltung liefern.

Warum Stadt und nicht Innenraum?
Gestaltungsprinzipien sind bis zu einem gewissen Grad universell, die Stadt ist im Vergleich das offenere, vernetztere und gleichzeitig komplexere System gegenüber dem stets singulären ‚Innenraum‘. Nicht zuletzt ist die Stadt als öffentlicher Ort zugänglicher als die meisten Innenräume.

Wie ist der Projektablauf?
Im Sommer 2015 werde ich 22 Städte in 10 Ländern entlang des 26ten Längengrades untersuchen. Der 26te Längengrad stellt die längste weitestgehend über Land laufende Nord-Süd Achse Europas dar.
In jeder Stadt werde ich zuvor spezifizierte, öffentliche Orte aufsuchen und fotografisch unter vergleichbaren Bedingungen aufnehmen. Eine Liste der Städte und die Kategorien der aufgesuchten Orte liste ich weiter unten auf.

Die Aufnahmen an jedem Ort sind 360°-Panoramen deren erstes Bild immer genordet aufgenommen wird. Ich werde Vergleichbare Orte in verschiedenen Städten zum gleichen Sonnenstand aufnehmen um möglichst geringe Differenzen der jeweiligen Lichtsituation zu erhalten.
Dennoch liegt der Fokus nicht auf einer farbmetrischen Vergleichbarkeit der Ergebnisse, diese wären nur unter einem erheblichen Mehraufwand an Zeit und Material zu bewerkstelligen. Die Vergleichbarkeit innerhalb der Untersuchungsreihe steht im Vordergrund.
Die Aufnahmen der Orte werden per Software farblich analysiert und Häufigkeiten im Farbvorkommen ausgelesen. Die daraus entstandenen Farbtabellen werden mit den Orten verknüpft und variabel, je nach Abfrage des Datensatzes, in Verbindung gebracht.

 

Welche Technik kommt zum Einsatz?
Ich fotografiere mit einer Panasonic Lumix DMC-LX5 im RAW Format um in der Nachbearbeitung verlustfrei Weißabgleich und Farbkalibrierung vornehmen zu können.

Zur Kalibrierung der Aufnahmen verwende ich den X-Rite Color Checker Passport mit der entsprechenden Kalibrierungsoftware.

Auf der Reise werden die Aufnahmen auf einem Lenovo S8 Android-Tablet mit der Software Photo Mate R2 überprüft. Nach der Reise in Adobe Camera Raw und Adobe Photoshop bearbeitet und per eigens geschriebener Software ausgelesen.

Die Farbwerte werden proportional zueinander, nach jeweiliger Abfrage des Datensatzes, grafisch in Adobe Illustrator aufbereitet.

Einzelne Farbwerte werden zur Kontrolle mit einem mobilen Farbmessgerät, dem X-Rite Capsure, aufgenommen.

Den Sonnenstand am Aufnahmeort zu kontrollieren benutze ich die Android-App ‚Sonnenverlauf‘ von Torsten Hoffmann.

Die Verwaltung der Aufnahmeorte und Navigation übernimmt ein Garmin GPSMap62 und auf Android die App Locus Pro mit OSM-Karten.

Um den Streckenverlauf der Reise und die Anlaufpunkte vorab zu planen nutze ich Garmin Mapsource, Google Earth und Google Maps.

 

Wie werden die Ergebnisse veröffentlicht?
Nach Abschluss des Projektes werde ich im Frühjahr 2016 die Ergebnisse in Buchform veröffentlichen. Die Reise werde ich auf der Website
http://yeah.hs-mainz.de/category/lokalkolorit15/ fortlaufend dokumentieren.

Wie werden die Ergebnisse ver- oder gewertet?
Die Untersuchung ist ergebnisoffen angelegt und wird im ersten Schritt keine Thesen bezüglich der Farbigkeit und Identität von Orten oder be- oder widerlegen. Die Beantwortung gestalterischer Fragen oder wahrnehmungspsychologische Erkenntnisse werden, so einfach das klingt, in der Interpretation des Betrachters liegen.
Lediglich die Untersuchungsmethode wird bewertet werden um sie für zukünftige Projekte verbessern zu können.

Und dann?
Das Projekt Lokalkolorit soll der Start für eine dauerhafte Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Ort und farblicher Identität werden. Die Frage ist so erschöpfend groß, dass ich dafür in Zukunft mit Experten aus Nachbardisziplinen wie der Soziologie, Geografie, Farbherstellern, Kommunikationstheoretikern und Marketing zusammen arbeiten möchte. Lokalkolorit wird die Grundlage für den Austausch sein.

 

Lokalkolorit_Infobroschüre11

Orte, die in jeder Stadt* aufgenommen werden.
– Stadttore:
Bahnhofsvorplatz
Haupteinfallstraße(n) am Stadtrand, Beginn der Bebauung

– Der Ort an dem Google Earth den ‚Pin‘ setzt wenn man den Stadtnamen ohne weitere Adresse eingibt.
– Einen Ort am Rand der Stadt, Stadtrand gemäß Google Algorithmus.
– Mitte Fußgängerzone, der Länge nach.
– Der am dichtesten besiedelte Stadtteil im Stadtgebiet.
– Der am dünnsten besiedelte Stadtteil im Stadtgebiet.
– Ältestes noch bewirtschaftete Gebäude der Stadt.
– Neues(tes), schon bezogene Wohnbauviertel
– Imagebildende architektonische Superzeichen/Sehenswürdigkeit
– Ort an dem das geringste Bruttosozialprodukt erwirtschaftet wird
– Ort an dem das höchste Bruttosozialprodukt erwirtschaftet wird

* Natürlich nur wenn diese Orte in den jeweiligen Städten vorhanden sind.

Mein Dank in Vorbereitung des Projektes gilt besonders:
Frank Baumann, Goetheinstitut Minsk
Prof. Dr. Christoph Häberle, HdM Stuttgart
Martina Pipprich, Fotografie Mainz
Prof. Holger Reckter, HS-Mainz
Dipl.-Designer Petra Ruhnau, Caparol FarbDesignStudio
Prof. Markus Schlegel, HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen
FarbDesignStudio Caparol, Ober-Ramstadt