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Helsinki, Finnland

Helsinki, Finnland

Aufgenommen am 11.06.2015

Helsinki stellte in der Vorbereitung und Durchführung einen besonderen Punkt der Forschungsreise dar, denn die Stadt ist eine echte Metropole, zu groß, zu historisch gewachsen, zu hip und viel zu sehr aufgeladen mit unterschiedlichsten Rezeptionsebenen um in durch irgend ein Raster hinreichend erfasst oder gar erklärt zu werden.

Und da diese Erekenntnis in einer Metropole nur deutlicher zu Tage tritt, obwohl sie eigentlich für das gesamte System Stadt-und damit für die gesamte Untersuchung gilt- war ich besonders gespannt darauf herauszufinden, ob die Methode ‘einen Schnitt durch die Stadt zu legen’ geegnet sei die farbliche Identität der Stadt abzubilden.

Jetzt, auf der Reise, kann ich diese Frage natürlich nicht beantworten, denn es sind erst knapp 1/3 der Städte untersucht und noch lange keine der Städte ist ausgewertet. Mit knapp 1400 Aufnahmen hält Helsiniki auf jeden Fall den bisherigen Rekord an Bildern.

Eine sehr interessante Erkenntnis habe ich auf jeden Fall gewonnen: In einem kurzen Gespräch erzählte mir eine Anwohnerin eines Einfamilienhaus-Neubaugebietes, dass die Stadt Stadt Helsinki sehr strikte Vorgaben bezüglich der farblichen Ausgestaltung der Häuser von Neubausiedlungen macht. Es sind, ganz erwartungsgemäß, die Farbfamilien, die ich hier schon mehrfach beschrieben hatte und welche offensichtlich die Farbgebungen der ländlichen Holzhausarchitekturen zitieren, die auch in dieser Siedlung als Vorgaben erlassen wurden. (Stadtteil Maunula, Aufnahmepunkt ‘4’)

Diesen Vorgaben werde ich selbstverständlich in der Aufarbeitung der Ergebnisse nachgehen.

Drei weitere Dinge sind mir in Helsinki noch besonders aufgefallen: Zum einen die Fahrradfreundlichkeit der Verkehrsinfrastruktur. Fahrradfahrern wird ein gut ausgebautes und exklusives Wegenetz zur Verfügung gestellt, für eine Metropole dieser Größe wirklich auffällig und in der Selbstverständlichkeit des Miteinanders von motorisiertem Verkehr und Fußgängern nicht häfig zu finden. Es gibt sogar einen (oder mehrere ?) Expresswege für Fahradfahrer und Fußgänger die völlig entkoppelt vom restlichen Verkehr wohl auf auf ehemaligen Bahntrassen (?) durch das Stadtgebiet führen.

Der zweite Punkt, der mir besonders aufgefallen ist, sind die z.T. stark ins Auge fallenden Gentrifizierungsprozesse in den innenstadtnahen Wohnquartieren. Es fällt auch als Besucher der Stadt auf, wie stark die ‘verdächtig schönen’ Orte schon längst durch die wohlhabenden Teile der Bevölkerung besetzt worden sind und wie offensichtlich die verbleibenden gut durchmischten Wohnquartiere mitten in einem Übergangsprozess stehen. Ein Spaziergang durch den Stadtteil Kallio belegt jedes Klischee dieses Prozesses zur Genüge. Und es scheint als seien die Innenstadtviertel schon längst mit einer Art von Zuzüglern konfrontiert, die ‘mehr suchen als sie mitbringen’.

Zum dritten -und höchst subjektiv- kam mir Helsinki extrem ruhig, fast leise vor. Ich habe keine Idee woran das liegen mag, aber die Stadt kam für ihre Größe an den drei Junitagen meines Besuches ausnehmend riuhig und in allen Belangen überaus angenehm unstressig daher.

Farbliche Untersuchung:

Die Innenstadt Helsinkis ist visuell und architektonisch geprägt durch viele gut erhaltene historische Bauten, vor allem einzelne Straßenzüge und Ensembles von Jugendstilarchitekuren, klassizistischen und Jahrundertwende/Gründerzeitbauwerken in den Wohnvierteln am südlichen Ende der Stadt und des Untersuchungsgebietes.
Diese Viertel sind farblich recht stark von Sandsteinfarben und Gelbtönen geprägt, was auch die Materialität der Fassaden, häufig Putz und Steinverkleidungen, angeht. Weiß und Grautöne, die ebenfalls die Altbauviertelarchitekturen prägen sind auch an den ‘neueren’ Gebäuden aus den 50er- bis 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zu beobachten. Des Weiteren sind (selbstverständlich) rote bis dunkelrote Backsteingebäude charakteristisch für diese Viertel. Eine Besonderheit, vor allem an Jugendstilgebäuden zu beobachten, sind Pistatzien- und Rosatöne der Putzfassaden einiger Gebäude. Diese wirken tatsächlich akzentuierend und trotzdem im Gesamteindruck prägend obwohl sie nicht allzu häufig anzutreffen sind.

In den sich nördlich anschliessenden Wohnvierteln mit größtenteils mehrgeschossiger Bebauung kann man auf den ersten Blick eine Dreiteilung der farblichen und materiellen Prägung feststellen:
Die Viertel mit Geschoßwohnbauten der 50er und 60er Jahre sind, als Reihensiedlungen, verputzt und zum größten Teil in Braun und Gelb-bis Ockerfarbtönen gehalten. Ihre Pendants aus den 70er Jahren, in Plattenbauweise und deutlich höher, als ihre Vorgänger, sind in Sichtbeton und Graufarbtönen errichtet.

Immer wieder trifft man zwischen diesen noch sehr innenstadtnahen Siedlungen auf ein- bis zweigeschossige Holzarchitekturen deutlich älterer Baujahre. Diese offensichtlichen Arbeiterbehausungen, sind wiederum in den ‘ländlichen’ Frabgebungen, und auch hier am häufigtsen in den beschriebenen Gelbtönen gestrichen. (Grau, Grün, Blau und am selten Rot ansonsten.)

Die dritte charakteristischen Farbgebung der innenstadtnahen Wohnviertel betrifft die mehrgeschossigen Neubauten der Gegenwart. Diese sind zumindest in den von mir besuchten Gebieten mit rotem Backstein verklinkert und durch grelle, stark gesättigte, Farbakzente in Hofeinfahrten, Brandwänden und Eingängen in den Fraben Rot, Blau, Grün, Gelb und Orange akzentuiert.

Ich verzichte hier auf die Beschreibung des Rings von Geschäfts-, Museums-, Veranstaltungs- und Sportgebäuden im Norden des Hauptbahnhofes, da es sich hierbei hauptsächlich um Solitäre handelt die, bis auf einige Ausnahmen (Olympiastadion!) sich häufig auch farblich selbst genügen.

Am westlichen Rand von Käpylä (Punkt Nr.5)befindet sich ein ehemaliges Stadtrandgebiet mit dörflichen Straßen und Baustrukturen in absolut ländlicher Farbigkeit und Materialität. Es scheint, als wäre dieses Viertel, ein ehemaliges Dorf vor der Stadt gewesen, das im Luafe der zeit von der Stadt geschluckt wurde.

Weiter Im Norden schliessen sich etwas niedrigere Siedlungen mit Wohnbauten der 60er und 70er Jahre an, diese sind im Untersuchungsgebiet in Grau- und Weißtönen gehalten gewesen und in einigen Fällen (und für das bisher untersuchte Finnland äußerst untypisch) durch gesättigte Rot- und Blautöne an den Balkonverkleidungen akzentuiert.
Hier befand sich auch die eingans erwähnte Einfamilienhaus-Neubausiedlung, die sich im Gegesatz zu ihrer mehrgeschossigen Nachbarschaft wiederum sehr stark an den ‘ländlichen’ Farbvorgaben orientieren (musste).

Zwischen zweiten und dritten Ring befinden sich wiederum Einfamilienhaus-Wohnviertel welche denen in Koupio, Oulo oder Tampere, auch in Bezug auf beschriebene Farbigkeit und Materialität, absolut gleichen und wiederum eine Remineszens an die ländliche Holzausarchitektur darstellen obwohl sie natürlich ganz klassich Suburbia sind.

Jenseits des dritten Rings und wohl am momentan äußeren Ende der Stadt, werden die Wohnbausiedlungen wieder höher (4-5 Geschosse), die Farbigkeit liegt (wie zu erwarten) in den ‘üblichen’ Farbtönen wobei hier wieder, auf Grund der Höhe der Gebäude, auch wieder rote Backsteinverklinkerungen zu finden sind.

Jenseits dieser Siedlungen schliessen sich Gewerbegebiete und der Flughafen an, die Stadt scheint hier, zunächst einmal in ihrem Flächenwachstum für Wohnbebauung gestoppt zu sein.

Mich hat es, bei der ersten Durchsicht der untersuchten Gebiete, tatsächlich überrascht wie stark sich die durch das ländliche Finnland geprägten Farbigkeiten und Materialitäten in der Metropole wiederfinden lassen, sie sogar in weiten Teilen zu prägen scheinen. Auch hier bin ich wiederum auf die spätere Auswertung gespannt, aber schon jetzt kann man von einer existenten Verbindung der Farbräume ‘Land’ und ‘Stadt’ reden ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Dass sich die aktuelle Architekturszene Finnlands, wie auch die vor allem durch Aalto gepägte finnische Moderne, immer wieder auf die Materialien Holz und Backstein bezieht ist in allen eingängigen Veröffentlichungen nachzuvollziehen und evident. Der ‘Sommerpavillon 2015′ des Architekturmuseums ist natürlich ein Holzbau, der sich direkt auf die genannten Traditionen der finnischen Architektur beruft.

Ich bin vor allem auch gespannt, wie sich diese finnische Homogenität im Farb- und Materialkontext im europäischen Vergleich darstellt.

Anbei noch einige Fundstücke aus Helsinki: