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Lviv, Ukraine

Lviv, Ukraine

Aufgenommen am 17.07.2015

Stadt:

Lviv, Lwow oder Lemberg, alle Namen dieser wirklich sehenswerten und schönen Stadt scheinen gleichsam zu gelten und Gebrauch zu sein. Durch die nahen Karparten geprägt liegt Lemberg zwischen einigen Hügeln ‘sehr topografisch’ im Westen der Ukraine und ist mit ca. 750.000 Einwohnern die wichtigste Stadt der Region.

Ich glaube es ist 13 Jahre her, dass ich das letzte mal in Lviv (Ukrainischer Name) war und es hat sich, selbstverständlich, sehr viel getan. Vor allem im Herzen der Altstadt, die seit 1998 auf der UNSECO-Weltkulturerbeliste steht, scheint der Verfall, den ich 2003 noch eindringlich wahrnehmen konnte, aufgehalten zu sein. Und trotz der zunehmenden Anzahl an sanierten und restaurierten Fassaden und Gebäuden, ist die Innenstadt noch vollständig von Lvivern aller Alters- und Einkommensgruppen belebt. Sicherlich gibt es, auch auf Grund des erstarkten Tourismus, wahrnehmbar viele Hotels, Restaurants und Geschäfte, welche vornehmlich die oberen Einkommensschichten bedienen, aber verglichen mit anderen Städten solcher baulicher Schönheit, ist es schön zu sehen, dass in Lviv so viele unterschiedliche Menschen auch im Alltag den Stadtkern beleben und dass sich sichtbare Gentrifikation kaum wahrnehmbar ist.

Die Altstadt, besonders auch der innere Kern mit seinen von Renaissance-, Jugendstil- und klassizistischen Gebäuden besetzten Prachtstraßen, ist zwar zu großen Teilen aufwändig Restauriert, aber durch den täglichen ‘Gebrauch’ in einem sehr eigenen belebten Zustand der Dauerimprovisation und Intensivnutzung. Nur direkt rund um den alten Marktplatz gleicht die Altstadt im Hang zur Hinwendung zu stereotypen Bildern ‘romantischer’ Altstädte dem bekannten Muster.

Aber das besondere an Lviv ist der überaus große Bestand vollständig erhaltener historischer Bausubstanz in Kombination mit vergleichsweise wenig Eingriffen an sowjetischer Architektur im zentralen Innenstadtgebiet. Geht man dem Trubel östlich der Svobody Avenue nur ein zwei Blocks aus dem Weg, so kann man sich dem Gedanken nicht verwehren, in einer gerade erst vom Filmteam verlassenen Kulisse eines Historienstreifens herumzulaufen.

An die blockrandbebaute Innenstadt (-Sie ist begrenzt durch eine Ringstraße im Norden/Nord-Osten und der Gegend rund um die Zitadelle im Westen.-) mit ihren großbürgerlichen Bauten und K&K-Repräsentationsarchitekturen schließt sich südlich ein schmaler Gürtel freistehender Villen aus der Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts an.
Viele von ihnen sind in ausnehmend guten Zustand obwohl sie nicht in jüngster Zeit saniert wurden, ein wahrnehmbarer Teil wird im Moment saniert. Vor den frisch sanierten Villen stehen dann auch die teuersten Automobile.

Weiter Richtung Süden im Untersuchungsgebiet  trennt ein großer Park den Stadtraum des inneren und bis hier hin weitestgehend historisch bebauten Lviv von den Vierteln, die hauptsächlich mit ‘Schlafstädten’ (Großwohnsiedlungen) und Gewerbe/Industrie bestückt sind. Ich zählte mindestens drei größere Parkanlagen die als Grün- und Frischluftschneisen, die bis an die Innenstadtgrenze reichen.

Entlang der Luhansker-Straße, die das Untersuchungsgebiet in ost-westlicher Richtung durchläuft stellen größere Industrie- und Gewerbeanlagen und eine Bahnstrecke die Grenze zu den sich nun bis an die Stadtgrenze sich fortsetzenden Großwohnsiedlungen dar.

Viele der Industriebauten sehen arge mitgenommen aus, große Areale scheinen einer kleinteiligeren Zweit- und Drittverwertung durch Kleingewerbe zugeführt worden sein nachdem die großen Kombinate abgewickelt wurden. Zwischen einigen noch genutzten Hallen und Höfen sind große Teile endgültig verriegelt und dem Verfall preisgegeben.

Die Großwohnsiedlungen, die sich nach dem Gewerbegütel anschliessen sind selbstredend ähnlicher Natur wie diejenigen der zuvor besuchten Städte, am ehesten ähneln sie in Bauart und Zustand den Siedlungen in Lettland. Je näher die Siedlungen an dem Gewerbegürtel sind, umso schlechter ist der Zustand, stärker als bisher sind die Fassaden zum Teil stark beschädigt und in den entlang der Strassenfronten untergebrachten Geschäftsräume sind mehr Fenster verbarrikadiert als intakte und geöffnete Geschäfte zu finden waren.
Je weiter man Richtung Süden geht, umso besser scheinen die Haus- und Blockgemeinschaften intakt zu sein, die Gebäude sehen gepflegter aus und auch die Freiflächen zwischen den Gebäuden sind besser in Schuß und vor allem auch belebter.

Auf Höhe des Busbahnhofes, ein wunderschönes, wenn auch recht ramponiertes Y-Gebäude im klassisch-modernen Architekturstil der 60er Jahre, endet der Stadraum der Sowjetzeit mit einer, wie häufig gleichartig ausgeführten, ‘Wand’ an Plattenbauten vor denen eine Ringstraße entlangläuft.

Jenseits dieser Ringstraße sind zum einen Teil noch Viertel mit eingeschossiger Bebauung aus der Jahrhundertwende, diese typischen osteuropäischen Kleinhäuser, anzutreffen, zum anderen einige Kleingewerbegebäude entlang der Einfallstraße aber vor allem das zur Fußball-Europameisterschaft neu errichtete Stadion. Eigentlich auf der ‘grünen Wiese’ angelegt bekommt es jetzt mehr und mehr Nachbarschaft in Form neuer Großwohnblöcke, die in einfacher Bauweise sehr farbenfroh Ensenbles bilden, die ganz entfernt an typische Vertreter der sogenannten ‘Gated Communities’ erinnern.

Die Stadt wächst also tatsächlich und wenn man ganz am Stadtrand steht, kann man in westlicher Richtung sogar einige neue, suburbane Einfamilienhaussiedlungen sehen die an die umliegenden Dörfer herangebaut werden.. Noch sind große Brachflächen zwischen den Neubauvierteln, aber breite und gut ausgebaute neue Straßen belegen, dass hier in naher Zukunft weiter gebaut werden wird.

Vom Stadtkern aus in nördliche Richtung ist die Stadt anders strukturiert. Der Bruch zwischen großbürgerlichen Altbauten zu Villenvierteln findet nicht statt. Die Gebäude werden um zwei Geschosse niedriger und insgesamt kleiner, bleiben aber in der Blockrandstruktur.

Auf das Viertel mit dieser Bebauung folgt anschliessend ein munterer Mix aus den (altbekannten) eingeschossigen, einfachen Häusern und dazwischen gesetzten Plattenbauinseln sowie z.T. recht neue Großwohnblöcke aus den Nullerjahren. Die kleineren Häuser, wie auch die Plattenbauten sind größtenteils in einem besseren Zustand als ihre Pendants im Süden, die Ausdehung dieser Gebiete ist alleridings auch bei weitem nicht so groß.

Einen durchgehenden Industrie- oder Gewerbering gibt es hier nicht, lediglich an den größeren Straßen befinden sich entweder kleinere Gewerbebetriebe auf Einzelparzellen oder im Sockelgeschoss entlang der Straße Einzelhandel- und Dienstleistungseinheiten.

Ganz im Norden schliesst die Stadt ebenfalls wieder mit ṔPlattenbausiedlungen ab, diesmal allerdings nicht als ‘Wand’, sondern vielmehr als Punkthochhäuser direkt am Waldrand der hier die Stadt begrenzt.
Je näher die Häuser am Wald sind, um so idyllischer schönt das Grün jetzt im Sommer die auch hier etwas in die Jahre gekommene Bausubstanz. Zwar ist das Viertel in einem besseren Zustand als das Randviertel im Süden, aber vor allem schien es (am gleichen Tag besucht) deutlich belebter zu sein. Viele junge Familien spazierten zwischen Wald und Viertel, viele Menschen, die auf Bänken vor den Häusern den Sommertag genossen hatten, spielende Kinder überall.

Farbigkeit:

Eigentlich hätte ich mir die Lviver Exkursion sparen können, wenn ich auf die Dame gehört hätte, die mir gleich am ersten Punkt der Untersuchung sagte: ‘Ach Lviv ist oft gelb aber vor allem grau. Genau das zu verifizieren bedeutete dann doch zwei Tage lang die Stadt zu erkunden…

Und es stimmt weitestgehend. Ganz klar ist die Innenstadt und der Altstadtkern von sand- bis curryfarbenen Fassaden geprägt. Es scheint, als ob die Ausnahmen seltener sind als in anderen, ähnlich homogenen Städten und es scheint ebenso, dass Gelbtöne bevorzugt für die Sanierung historischer Gebäude verwendet werden.

Die Ausnahmen spielen sich eher in zarten Grün- (Mint, Pistazie oder Lindgrün), Sandstein-Rot- und Rosatönen ab, als in hellblauen Farben, die ich eigentlich nur rund um den Marktplatz bewusst wahrgenommen hatte.

In den Altbauvierteln sind es die Sockelzonen, die eine Besonderheit ausmachen: Vor allem bei den seit längerem nicht sanierten Gebäuden ist sehr häufig eine geschwärzte, wohl aus Bitumenfarbe oder ähnlich wasserabweisenden Mitteln hergestestellte, Sockelzone zu sehen. Auch wenn diese Sockel möglicherweise eher einen Bautenschutz als bewusste Gestaltung darstellen, so sind sie doch durch ihre Häufigkeit gewissermassen stilbildend.

Ebenfalls sehr häufig anzutreffen ist die Verkleidung von Sockelzonen durch roten Granit oder dessen Imitate. In der Innenstadt eher an etwas ‘nachlässig’ sanierten Gebäuden zu treffen, zieht sich die rote Steinverkleidung (oder deren Derivate) bis hinaus in die am Stadtrand liegenden Plattebauten. Oftmals auch als lokal begrenzte Teilausbesserung eines anderen, sehr häufig vorkommenden, Verkleidungsmaterials, dem Muschelkalkstein

Dieser wurde wohl vor allem zur Sowjetzeit an viele Oberflächen, vor allem von Repräsentationsgebäuden und öffentlichen Einrichtungen wie z.B. Haltestellen oder Fußgängerunterführungen im gesamten Stadtgebiet zur Verkĺeidung eingesetzt und wird wohl seit geraumer zeit nicht nehr zur Ausbesserung abgefallener oder zerstörter Verkleidungsteile herangezogen. Statt dessen wird, wie oben beschrieben häufig mit rotem Stein oder Keramik ausgebessert, was zu sehr inhomogenen Flächen führt die richtigehend unschön sind, aber selbstredend deutlich günstiger sein dürfte als der Originalbelag.

In den an die Innenstadt angrenzenden Vierteln steigt die Farbvarianz ein wenig, aber hier kommt das genannte Grau als die Farbe, die das Stadtbild des Alltags prägt in Form von vergrauten Fassadenputzen und den Betonoberflächen der Plattenbauten stärker durch. Teils ist es schlichtweg das Alter der Fassadenfarbe, das durch Dreck und Abgase ergraut und verwittert ist, teils sind die Fassaden grau angelegt worden.

Stark die Fassadengestaltung beeinflussend ist der hohe Anteil an Außenwerbung. Sehr typisch ‘osteuropäisch’ sind Sockelgeschosse, Fensterflächen und ganze Gewerbeimmobilien (Kioske, Büdchen und Verkaufs-Container) großflächig mit vorgehangenen Werbetafeln, Folierungen und Beschriftungen überzogen, die eine unglaubliche Unruhe in das Stadtbild bringen.

Je weiter man an die Stadtgrenzen geht, umso homogener wird die Bebauung und damit auch die Farbigkeit, namentlich ein verrschmutztes Grau, egal ob durch verwitterte Putzflächen oder Betonoberflächen dargebracht.

Die meistens unsanierten Großwohnblöcke weisen die typischen Individualisierungen ihrer Bewohner auf, nämlich zu Wintergärten oder Raumerweiterungen umgenutzte Balkone, hergestellt aus allen erdenklichen Materialien und Oberflächen sowie deren Strukturierung und zum zweiten häufig zu sehen: Die farbliche Absetzung der eigenen Fensterlaibungen und Balkonnischen, wenn nicht in hellen Weißtönen, dann in sehr gesättigten, bunten Farben jeder Tonart. Das Ganze im Zusammenspiel mit den ebenso häufig anzutreffenden Keramik oder Steinzeugverkleidungen einzelner Fassadenplatten, die zudem häufig noch stark ramponiert und dadurch eine ausgedünnte Abdeckung in der Fläche aufweisen, ergibt sich trotz des grauen ‘Images’ der Großwohnbauten ein sehr lebendiges Bild der Architekturen.

Sicherlich überwiegt der Eindruck des schlechten Zustandes, aber im Gegenzug zu den sanierten Großwohnbauten haben diese Gebäude eine Eigenheit und visuell anregende Kleinteiligkeit, die bei ihren erneuerten Pendants ins Anonyme umschlägt.

Es wirkt fast so, als ob die ihnen unterstellte Anonymität solcher Bauten erst durch die visuelle ‘Gleichmacherei’ voll zum tragen kommt.

Die sanierten Großwohnbauten sind allesamt deutlich flächiger angelegt und WDVS-verputzt, hier sind wiederum etwas gesättigtere Gelbtöne vorherrschend, meistens mit ebenfals kräftigeren Rottönen akzentuiert.

Eine letzte, zumindest hauptsächlich materielle, Besonderheit von Lviv ist, dass es im Untersuchungsgebiet sehr wenig Stahl/Glas-Architekturen anzutreffen gab. Die meisten davon wohl neuren Datums im Look von Architekturen wie sie in Deutschland rund um die späten 1980er bis mitte 1990er Jahre errichtet wurden. Hauptsächlich handelt es sich bei diesen Vertretern um Einkaufsgallerien, versteckt in Restflächen zwischen den Wohnsiedlungen.

Ach ja: Das neugebaute Fußballstadion ist mit -Achtung- grauen Streckmetallverblendungen verkleidet und weiß durch ein wildes Linienmuster akzentuiert was wohl ein wenig an das berrühmte Vogelnest in Peking erinnern soll.