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Minsk, Belarus

Minsk, Belarus

Aufgenommen am 28.06.2015

Es fällt mir sehr schwer über Minsk und Brest in Weißrussland zu schreiben ohne den Einfluss, den die politische und gesellschaftliche Situation im Land auf meine Wahrnehmung hat, zu benennen.

Das ist so oder so ein Ding der Unmöglichkeit, da Farbe, Material und Raum nicht losgelöst von unserer Stimmung und persönlichen Dispositionen wahrgenommen werden können. Hier ist es für mich persönlich aber besonders schwer das eine zu beschreiben ohne das andere zu benennen.

Ich habe mich daher, um die Struktur beizubehalten, daher entschlossen bald an anderer Stelle auf diesem Blog über diese Aspekte meiner Reise zu berichten.

 

Stadt:

Minsk ist von der Einwohnerzahl wohl die größte Stadt der Untersuchung wobei sie flächenmäßig nicht an andere Städte vergleichbarer Größe herankommt. Das mag vor allem daran liegen, dass zum einen der Großblock-Geschoßwohnungsbau die bis heute absolut dominierende Wohnform im Stadtgebiet ist und das zudem auf Grund der sozialistischen Städteplanung sehr viele Menschen dort leben, wo in (vor allem) westlichen Stadtkörpern Geschäfts-, Verwaltungs- und Büroviertel die Innenstadt belegen.

Einfamilienhäuser-Siedlungen hatte ich lediglich am äußersten nördlichen Rand der Stadt und vereinzelte, kleinere Straßen zwischen größeren Wohnsiedlungen. Diese Häuser waren allesamt etwas älter, ich schätze mindesten 15-20 Jahre, z.T. deutlich älter (vor allem die typischen Holzhäuser).

Das einzige Neubau-Einfamilienhausviertel, von der Ferne sah es eher nach einem Villenviertel aus, habe ich in der Nähe der Nationalbibliothek, gesehen.

Die Großwohnsiedlungen sind in allen erdenklichen Ausbau- und Altersstufen in der Stadt verteilt, je näher sie am Stadtzentrum sind, umso eher sind sie in geschlossener Zeilenbauweise (Häufig mit punktförmigen Erhöhungen) zu den großen Straßen hin erreichtet. Ansonsten gleichen die Anlagen von der Struktur den bekannten Mustern: Lange Zeilen mit großen Abständen zueinander, Höfe bildend oder punktförmige Anlagen wobei die Häuser leicht versetzt zueinander angeordnet sind.

Auffallend ist, dass der bauliche Zustand vieler Wohnsiedlungen weitaus gepflegter wirkt als ich es in den baltischen Ländern gesehen habe oder aus Russland kenne. Ebenso die auffällige, fast unheimliche, Sauberkeit des gesamten Stadtraums. Kein wilder Müll, kein Graffiti, keine sichtbare Armut. Einzig: Ich habe vielleicht 5-8 Sticker in der Stadt gesehen. Es gibt aber auch nur wenig und dann sehr gezielt eingesetzte Stadtmöblierung und Aufenthaltsmöglichkeiten, deutlich weniger als in anderen Städten. Vor allem in den Plattenbauvierteln wirkte die Szenerie dadurch fast artifiziell, die Innenstadt wird dadurch ungemütlich.

Alle gestalterische (und stadtidentitätsstiftende) Energie fließt in den Innenstadtbereich, grobe zwischen Oktoberplatz und Unabhängigkeitsplatz entlang des Nyezalyezhnastsi- und Lenin-Prospektes bis zur seeartigen Aufweitung der Swislatsch und der daran angrenzenden Altstadt.

Insgesamt ist die gesamte Stadtstruktur und ihre atmosphärische Wirkung erstaunlich ähnlich zu Warschau vor der Wende (und den darauf folgenden ‚modernen Umbauten‘ und Nachverdichtungen).

Entlang der großen Prospekte und Prachtstraßen mit ihren extrem weiten Straßenräumen und breiten Bürgersteigen dominiert sowjetische Zuckerbäckerarchitektur in geschlossener Zeilenbauweise und Blöcken. An den Kopfenden des Nyezalyezhnastsi-Prospektes befinden sich weite Plätze mit den Universitäten bzw. dem Palast der Republik.

Die Altstadt (es gibt drei kleinere Altstadtkerne) ist eine ziemlich sterile Rekonstruktion mittelalterlicher Stadtstrukturen, von denen die beiden an der Swislatsch an Belebtheit und Authentizität stark gegenüber den (ebenfalls in der Innenstadt) stark frequentierten Kirchen extrem abfällen.

Entlang des Flusses sind mehrere aufeinander folgende, großzügige innerstädtische Parks angelegt.

Interessant ist, dass kaum zentral-innerstädtische Geschäftsbauten neu errichtet werden. Einige, dadurch sehr auffallende neuere Bürohochhäuser stehen an der Pieramožcaŭ Straße. Ihnen gegenüber, in der Nähe des Denkmals für die Opfer des Afghanistan-Krieges, wurde eine relativ neue Großwohnanlage errichtet die damit einen Ort belegt, der in Westeuropa garantiert für Geschäfts- und Bürobauten verwertet worden wäre.

Die neueren Betonbauten der Innenstadt zeugen häufig von großer gestalterischer Sorgfalt und dem Willen zur Repräsentation und beziehen sich formal auf die klassische und sowjetische Moderne (-vermutlich bis in die 80er Baujahre-) oder zitieren postmoderne Gestaltungsansätze (–vermutlich bis in die heutige Zeit-).

Erst weiter entfernt vom Innenstadtbereich werden zur Zeit wohl größere Gewerbe- und Bürokomplexe errichtet, so z.B. nahe der Nationalbibliothek eine große ‚Gazprom‘ Verwaltung.

Zur Atmosphäre der Stadt trägt auch die Außenwerbung bzw. Selbstdarstellung/Propaganda bei. Im Verhältnis zu westlichen Städten wirken hier privatwirtschaftliche Außenwerbungen an Plakatwänden und Displays feigenblattartig und merkwürdig deplatziert, da auf gleichen Trägern auch Veteranen von den Postern Grüßen oder –immer wieder zu sehen- ‚Ich liebe Belarus‘-Fotomontagen zu sehen sind. In diesem Zusammenspiel von Außenwerbung und Selbstdarstellung bekommen diese Plakate in ihrer Gesamtheit eine Wirkung von ‚Platzhaltern‘ oder fiktiven Werbungen für ein Filmset.

Da ich kurz vor den Feierlichkeiten zum ‚Nationalfeiertag‘ am 3.Juli in Belarus war, wurde die gesamte Stadt richtiggehend herausgeputzt. Eine Vielzahl an Rot-Grünen Fahnen wurde entlang der großen Straßen an Laternen, Lichtmasten und als freistehende ‚Gestecke‘ aufgebaut, überall in der Stadt Plakate und Aufsteller mit der ‚großen 3‘ und sämtliche Blumenkübel und Rabatte wurden zu der Zeit neu aufgepflanzt.

Der ästhetischen Wucht dieser Inszenierung konnte ich mich nur schwer entziehen, für mich als Außenstehenden wirkte diese Inszenierung vielleicht exotisch und interessant aber gleichzeitig auch immer sehr befremdlich, weil sie keinen Zweifel an der Intention ihrer Errichtung lässt.

 

Farbigkeit:

Minsk ist in der Gesamtheit eine helle Stadt, was vor allem an den hauptsächlich vorkommenden Großwohnbauten und deren heller, häuf hellgrau-weißer Gestaltung liegt. Eine als eindeutig zu beschreibenden Farbkanon dieser Großwohnsiedlungen ist aber nicht möglich, da neben den vor allem älteren Waschbeton-grauen Siedlungen viele neu verkleidet oder neu errichtet worden sind und meistens dabei farbig unterschiedlich und z.T. stark bunt kontrastierend angelegt wurden.

Die Auswertung der Aufnahmen wird eventuell eine leichte Gewichtung zu Gunsten von hellen gelb und Blautönen sowie hellen Rottönen bei den bunten Farben aufzeigen. Ansonsten sind auffällig viele Gebäude in einem hellen Grau, fast weiß angelegt. Gefühlt würde ich sagen, dass Blautöne ein wenig seltener als in anderen Ländern vorkommen.

Die älteren Einfamilienhausarchitekturen im Untersuchungsgebiet hatten einen größeren Anteil an hellgrauen/weißen Kalksandstein-Fassaden als in den zuvor besuchten Ländern, einige Häuser waren verputzt und äußerst bunt angelegt, die Holzhäuser wiederum folgten häufig den bereits beobachteten Farbgebungen (Siehe die baltischen Länder, insbesondere Lettland) ohne erkennbares Übergewicht einer besonderen Farbigkeit.

Der Innenstadtbereich fällt da deutlicher aus: Hier überwiegen Gelbtöne (helles Curry, Sandstein, Blassgelb und Ocker) für verputzte Fassaden oder den steinverkleideten ‚Zuckerbäckerbauten‘ sowie weiß-grauen Sandstein und Putzfassaden für etwas jüngere bauten, wie z.B. am Palast der Republik. Einzelne Gebäude sind in roter Sandsteinfarbe z.T. nur im Sockelbereich angelegt.

Viele der innerstädtischen Großwohnbauten sind hellgrau bis fast weiß was wiederum der Innenstadt eine Art postkartenmoderne Atmosphäre verleiht und für diesen Gebäudetypen deutlich die Wucht ihrer schieren Größe nimmt.

Die Altstadtrekonstruktion wist ebenfalls einen Hang zum Gelblichen auf, wirkt aber durch die farbig abgesetzten (blassroten Sandsteinfarben, blassgrün oder grau) Sockelfarben der Gebäude in Kombination mit deren geringerer Höhe farbiger, bunter.

Es gibt erstaunlich wenig Stahl-Glas Architekturen in der zentralen Innenstadt und die wenigen (Am auffälligsten: Neuer Hauptbahnhof, in Glas/Nickelfarben, Die Belarus-Expohalle mit metallbedampfter Glasfassade, Büro/Geschäftsturm an Pieramožcaŭ mit Glasfassade.) stehen weit voneinander entfernt, so dass diese Gebäude immer Solitäre (analog zur Nationalbibliothek) darstellen.