wpid-p1160178.jpg

Plovdiv, Bulgarien

Plovdiv, Bulgarien

Aufgenommen am 04.08.2015

Ganz lapidar heißt es, dass Plovdiv in der Thrakischen Ebene liegen würde. Tatsächlich ist die Anfahrt, aus dem Norden kommend, ziemlich eindrucksvoll. Denn man bewegt sich lange auf die Stadt zu, die sich aus dem weiten, flachen Land im wahrsten Sinne des Wortes vor einem ausbreitet. Der Kontrast zwischen der sehr ländlich geprägten Umgebung und der Stadt wirkt wie inszeniert und verfehlte seine Wirkung auch besonders der ‘drei Hügel’ welche die Stadt markieren auf mich nicht. Plovdiv war lange Zeit eine osmanische Hochburg, noch längere Zeit davor eine Stadt der Provinz Macedonia im Römischen Reich. Beide Weltreiche haben mehr oder minder Spuren hinterlassen, die bis heute zu erkennen, zu besichtigen sind. Vor allem aber ist Plovdiv seit langer Zeit auf dieser reise keine K&K-Stadt mehr…und die erste freilebende Palme auf meiner Reise habe ich hier gesehen. Das ist doch schon mal was.

Stadt:
Bis heute kann man sehr gut nachvollziehen und erkennen wie die Stadt um den antiken (bzw. sogar prähistorischen) Nukleus auf einer Erhebung gewachsen ist. Rund um die antiken Bauwerke bzw. Ausgrabungsstätten erstreckt sich ein weitläufiges, mittelalterlich anmutendes, enges Gassengewirr aus groben Kopfsteinpflaster. Die Bebauung hier stammt größtenteils aus der Zeit der Nationalen Wiedergeburt (spätes 18. und frühes 19. Jahrhundert) oder wurde ihr nachempfunden.  Und diese Altstadt, sie ist in einem tadellosen, herausgeputzten Zustand, ist fast ausschließlich dem Tourismus vorbehalten. Souvenierläden, Hotels, Bars und Restaurants auf Schritt und Tritt. Typisch für die Architektur der Nationalen Wiedergeburt, sind Häuser mit auskragenden Obergeschossen wobei die Abstützungen vollverkleidet sind und teilweise recht aufwändig verziert werden.

An den Füßen des Altstadt-Hügels wechselt die Bebauung abrupt zu Wohn- und Geschäftsbebauungen des 20. Jahrhunderts, wobei es auch hier eine Art bürgerliches Viertel gibt, das sich durch teilweise klassizistische, teilweise moderne Bauten von eher schmucklosen Zweckbauten aus dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts unterscheidet. Dieses Viertel, gewissermaßen die moderne Innenstadt, mit Fußgängerzone und einem recht großen Stadtpark, erstreckt sich hauptsächlich westlich vom antiken Kern und dehnt sich in Nord-Süd Richtung vom Flußufer der Maritza im Norden bis zu den Bahngleisen/Bahnhof im Süden aus. Die Dichte der klassizistischen bzw. Bürgerlichen Architekturen nimmt zu den Rändern hin deutlich ab. An ihre Stelle treten mehrgeschossige Wohnbauten aus dem späten 20. Jahrhundert, darunter auch viele Plattenbauten.

Eine Ringstraße umrundet dieses Gebiet der Innenstadt vollständig entlang dieser und entlang der Verlängerung einer größeren Nord/Süd Achse sind Hotels, größere Verwaltungsgebäude, Sportstätten, der Hauptbahnhof und Kultureinrichtungen angesiedelt.

Das Flußufer ist zwar eingefasst, aber die Stadt wendet sich zu beiden Seiten des Ufers ziemlich demonstrativ mit dem Rücken zum Gewässer. Der Fluß ist stark versandet und nicht schiffbar.

Jenseits der Ringstraße und des Flußufers finden sich hauptsächlich Großwohnsiedlungen und Plattenbauten, Einzelne Ein- oder Mehrfamilienhäuser sind eher Ausnahmem. Diese Siedlungen sind in einem etwas besseren Zustand als ihre Pendants in Rumänien, sie sind auch ein wenig aufwendiger gebaut und weisen ornamentartige Verkleidungen hauptsächlich an den Balkonverkleidungen und nicht wie in den bisher besuchten Ländern an den Treppenhäusern auf. Der bauliche Zustand der Mehrparteienhäuser und Plattenbauten ist, so die Gebäude noch nicht saniert sind, was maximal bei einem 10tel er Bauten der Fall ist, ebenfalls ein wenig besser als in vergleichbaren Lagen in Rumänien. Das mag evtl. Auch aran liegen, dass die Witterungseinflüsse, besonders im Winter, hier nicht ganz so hart auf die Bauten einwirken wie im Nachbarland. Auch wirken die Freiflächen zwischen den Gebäuden gepflegter, sind aber ebensowenig individualisiert wie in Rumänien. Eine Konstante über die gesamte Untersuchung hinweg ist Individualisierung der eigenen Wohneinheit und die Verkleidung der Balkone zu Wintergärten etc., dies lässt sich (selbstverständlich) auch hier beobachten.

Wiederum jenseits der großen Wohnsiedlungsviertel, die je weiter man sich in Richtung Stadtrand bewegt umso einfacher werden, schliesst sich ein relativ geschlossener Ring an Gewerbe- und Industrieviertel an. Im Norden, so meine Vermutung, sind tendenziell die größeren/schwereren Gewerbeeinheiten zu finden, im Süden eher Dienstleistung und Großhandel. Vor allem in Norden liegen einige größere Flächen mit ehemaligen Industriebetrieben brach, über die ganze Stadt hinweg gesehen, ist der Anteil an offengelassenen ‘Hinterlassenschaften’ aber deutlich geringer, die Gewerbebauten in Summe deutlich besser in Schuß als ich es in den beiden rumänischen Städten oder in der Ukraine hatte beobachten können.

Während im Norden das Stadtgebiet mit dem Industriestreifen abschliesst befinden sich im Süden ausgedehnte Einfamilienhaussiedlungen die einen stark ländlichen Charakter haben und vermutlich aus Dörfern entstanden sind, an die die Stadt herangewachsen ist. Die Straßen sind hier größtenteils erdgebunden und die Bebauung besteht zum überwiegenden Teil aus freistehenden, älteren, kleinen, ländlich anmutenden Häuschen mit Gartengrundstücken.

Der Großteil der Häuser ist mehrfach um- und überbaut worden. Entlang der Teile dieser vorortartigen Ansiedlungen, die mit Bussen des ÖPNV angedient werden, sind vereinzelte Neubauten zu sehen.

Die Häuser, egal ob alt oder neu, sind ausnahmslos massiv gebaut und verputzt. Wenn die Grundstücke nicht durch Mauern eingefasst sind, so sind es zumindest Zäune oder hohe Hecken die Distanz und Sichtschutz zum Straßenraum herstellen.

Farbigkeit:

Plovdiv ist eine farbige Stadt, aber erst auf den zweiten Blick und relativ begrenzt bezogen auf den Bereich der historischen sowie der ‘neueren’ Altstadt.

Im Bereich der historischen Altstadt, in den die Dichte an sehr aufwändig sanierten Bauten hoch ist, sind es drei Farbtonfamilien die diesen Bereich visuell prägen: Dunkle, kräftige rotbraune Farben, zwischen dunklem Terrakotta, Bordeaux und Ochsenblut und ebenfalls kräftigere Currytöne, fast Safrangelb oder (so nennt es meine Refernzfarbpalette)
Onyxtöne bei den bunten Farben, weiße Putze sind bestimmt hälftig vertreten.

Stilbildend für dieses Viertel sind die an vielen historischen Häusern angebrachten aufwendigen Verzierungen und Akzentuierungen die ausnahmslos in dünnen, weißen Lineaturen welche die gliedernden Fassadenelemente (Baukanten, Tore, Fensteröffnungen) abfahren zusammen mit den Fensterrahmen und Türverkleidungen, die ebenfalls ausnahmslos dunkelbraun lasiert sind. Bei den weiß angelegten Häusern der historischen Altstadt, fallen die dunkelbraunen Holzbalken im Kontrast auf, ab und an sind die Fensterrahmen und Türöffnungen hier in helleren, fast honiggelben Lasuren angelegt. Gemauerte Natursteinsockel oder farblich dunkler abgestzte Sockelzonen schliessen viele der Gebäude unten ab.

Die Seitenflächen des Stützwerks der auskragenden Obergeschosse, bzw deren Verkleidungen, sowie einige Giebelwände sind mit stilisierter floraler Ornamentik bemalt.

Entlang der Fußgängerzone und in den angrenzenden Seitenstraßen entspricht die Architektur und deren Farbgebung weitestgehend dem bekannten Bild ‘hübscher’ klassizistischer Bürgerhäuser. Die üblichen hellen Gelbtöne und Sandsteinfarben dominieren, Grüntöne (Pistatzie und Lindgrün oder Mint bis hin zu dunkleren fast piniengrünen Tönen)  stehen scheinbar an zweiter, sehr helle Blautöne an dritter Stelle.

Jenseits der Fußgängerzone, in den Innenstadtvierteln mit vorwiegender Wohnbebauung ist die Farbgebung nicht ganz so abwechslungsreich. Das liegt zum einen an den stärker verwitterten Fassaden, die insgesamt ins schmutzig-gräulich kippen und zum anderen am hier deutlich erhöhten Anteil an etwas dunkleren Curry/Ockerfarben in Kombination mit dunkelrot-brauner Akzentuierung. Die Farbgebungen in diesem Bereich sind absolut analog zu den bereits in Rumänien beschriebenen Farben. Auch die Materialität variiert hier stärker, was wiederum dem höheren ‘Improvisationsgrad’ bei Erhalt und Umbau der Häuser geschuldet ist.

Die Plattenbausiedlungen bzw. Großwohnsiedlungen sind farblich sehr homogen ausgetaltet. Der Großteil der Fassaden ist (durch Verwitterung) ausgegraut. Einfachere Vertreter sind in Sichtbeton ausgeführt, manchmal in Grautönen überstrichen. Nahezu alle zierenden Verkelidungsteile (hauptsächlich lamellen- oder bordurenartige Balkonverkleidungen) sind ursprünglich in dunklen Rot oder Brauntönen angelegt gewesen. Der Großteil ist teils verwittert, teils ausgeblichen. Dennoch ist das Farbschema ‘Grau/Rot/Braun’ absolut durchgängig und damit typisch für einen Großteil des Stadtgebietes.

Die wenigen sanierten Platten- oder Großwohnbauten sind häufig vollständig verputzt und mit WDVS isoliert worden. Die akzentuierende Farbgebung erscheint willkürlich gewählt und ist häufig wenn nicht komplementär, dann zumindest stark kontrastreich zum Hintergrund des Baukörpers ausgeführt, wohl mit der Prämisse sich vom Umfeld bzw. Dem Vorgänger zu unterscheiden. Eine leichte Tendenz den Baukörper grundsätzlich in sandstein/hellgelben Farbgebungen anzulegen konnte ich zwar beobachten, um eine belastbare Aussage daraus zu formulieren ist mir nicht möglich, dazu habe ich zu wenige sanierte ‘Blöcke’ gesehen.

Die grundsätzliche Präferenz für die hinlänglich zitierten Sand- und Gelbfarben gilt ebenfalls für weite Teile der alten Industrieanlagen, die neueren Gebäude sind völlig inhomogen in tatsächlich allen möglichen Farben angelegt bzw. verkleidet.

Der Anteil an Außenwerbung ist im übrigen -gefühlt- deutlich geringer als in Rumänien, aber immer noch signifikant die Straßen auf Augenhöhe prägend, dies gilt stärker für den Industrie- bzw. Dienstleistungsgürtel, als für den Innenstadtbereich.

Die Bebauung der dörflichen Strukturen am südlichen Stadtrand ist vom Straßenraum aus kaum zu erkennen, da die beschriebenen Hecken, Zäune und Mauern die niedrigen Häuser oftmals vollständig verbergen. Aber auch hier herrscht vorwiegend der beschriebene Farbkanon von Sandgelb/Curry bis Terrakotta/Rotbraun. Dies gilt auch für die Mehrzahl der Neubauten oder neueren Um- und Aufbauten wenn sie nicht in hellgrau oder weiß angelegt worden sind.