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Riga, Lettland

Riga, Lettland

Aufgenommen am 18.06.2015

Stadt:

Es ist augenscheinlich: Riga hat ein massives Verkehrsproblem. Der Eindruck einer verstopften Stadt, voll mit PKW, fahrend, stehend und überall parkend überlagert alle anderen Eindrücke. Der Staub und Dreck der Abgase prägt sogar das visuelle Erscheinungsbild der Stadt so stark, dass es für mich keinen anderen ersten Satz zu dieser Stadt geben kann.

Obwohl in Riga die Einwohnerzahlen wohl rückläufig sind, ist die ÖPNV-Infrastruktur der individuellen Motorisierung nicht gewachsen. Es fehlt ein U-Bahnnetz und es ist überaus schade, dass quasi das gesamte Stadtgebiet zum Abstellen von PKW zur Verfügung steht.

Der allgegenwärtige Verkehr beeinflusst die Wahrnehmung der Stadt so stark, dass die eigentlichen urbanen und baulichen Qualitäten dieser Metropole darüber fast verloren gehen.

Riga ist geprägt von den großen Wohnvierteln der Innenstadt, die als UNESCO Weltkulturerbe anerkannt wurden und in ihrer Ausdehnung im Stadtgebiet wirklich einzigartig sind. Es ist nicht nur die historische Altstadt, sondern auch angrenzende Viertel im Zentrum (sog. Neustadt, jenseits des Kanals) die in Blockrandbebauung historischer Architektur den Kern der Stadt definieren. Interessant und ebenfalls prägend für die Atmosphäre der Stadt ist, dass jenseits der historischen Altstadt ganze Straßenzüge mit prächtigen Jugendstilbauwerken in un- oder teilrestaurierten Zuständen im Alltag belebt werden. Noch lange nicht ist jedes Haus restauriert und mit zahlungskräftigen ‘Ankermietern’ internationalen Formats belegt, es finden sich überall noch alteingesessene Läden und es leben offensichtlich noch viele nicht allzu wohlhabende Menschen in diesen Stadteilen.

Die Zeit der Zugehörigkeit zur Sowietunion hat ebenfalls viele Spuren hinterlassen, die sich aber gegenüber der Architektur der Alt- und Neustadt im Innenstadtbereich visuell vergleichsweise wenig in den Vordergrund drängen. Markantestes Beispiel ist der im ‘Zuckerbäckerstil’ errichtete Kulturpalast, der alleridngs eine viel zu klein geratene Kopie (aber dafür eine sehr exakte) seiner Geschwister in Moskau und Warschau ist.

Neben dem allgegenwärtigen Tourismus und seiner Einflüsse auf das Stadtbild -es ist auffällig wie freizügig die Stadt mit der Gestattung von Signets und Logos an historischen Gebäuden umgeht- beeinflusst auch die Innenstadtnähe von Universität und Kunstakademie die Stadt. Es sind auffällig viele junge Menschen in der Stadt unterwegs.

Ebenfalls nahe der Altstadt sind die großen Märkte in ehemaligen Zeppelinhallen untergebracht. Dass Markthallen dieser Größe funktionieren (5 ehemalige Hangars), zeugt von der Lebendigkeit der Innenstadt, die nur dadurch gewährleistet werden kann, wenn auch viele Menschen mitten in der Stadt leben

Jenseits dieser Viertel rund um die historische Altstadt ändert sich das Bild markant. Zunächst sind es (wieder) die Holzarchitekturen des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus Plattenbau- und Großblocksiedlungen die prägend für die entfernteren Stadtbezirke sind.

Die Blockrandbebauung wechselt zu Einzelhaus und Zeilenbauweise, der Stadtraum weitet sich hier entlang der Straßenzüge zu dem für diese Bebauungsarten typischen Wechseln zwischen öffentlichen bis halbprivaten Freiräumen. Zwischen den Bauten: Informelle Wegenetze aus Trampelfaden oder improvisierte ‘Stadtmöblierungen’ auf Halbbrachen.

In beiden Fällen, Holzbau- wie Großwohnarchitekturen, wirkte die Stadt auf mich deutlich russischer geprägt als Tallinn. Sowohl im Erscheinungsbild, das vernachlässigter wirkte, als auch von den Bewohnern. Man hört eigentlich nur russisch auf der Straße, die Geschäfte und Märkte sind mit russischen Produkten voll bzw. das Sortiment ist auf russiche geprägte Kundschaft ausgelegt.

Absolut bemerkenswert war, dass ich nicht nur im Untersuchungsgebiet, sondern auch bei meinen Spaziergängen durch viele andere Viertel der Stadt, keine neuen Wohnbauviertel finden konnte. Erst recht weit außerhalb der Stadt (auf halben Weg zum Strandort Jurmala) sind mir die ersten neuen Einfamilienhaussiedlungen begegnet.

Dafür ist der Verwertungsdruck auf die Grundstücke in Jurmala, was de fakto wohl als der Sommerfrischenvorort der Reichen und Schönen Rigas zu fungieren scheint, offenbar so immens, dass auf der einen Seite extrem viel Leerstand an historischer Architektur hoher Qualität herrscht (in Wartestellung auf den potenten Käufer) und auf der anderen Seite Investorenarchitektur der plakativen und übermotiviert modischen Art am Laufmeter hochgezogen wird. Ich habe mich bei diesen Bauten und vor allem Ihrer Vermarktung stark an ähnliche Prozesse in Shanghai erinnert gefühlt: Es wird ein Image vermarktet und verkauft an Stelle Architektur mit Ortsbezug zu schaffen. Den Bock schoß die Ankündigung des Projektes ‘the Key’ ab:

Farbigkeit:

Subjektiv gesehen repräsentieren diese vier Bilder meinen Eindruck der Farbprägung Rigas.

Sehr häufig sind die Fassaden in Sandstein-Gelbtönen, Ocker, Curry, Senf und Safranfarben angelegt. Diese Farbgebung trifft, wie gesagt subjektiv, auf einen Großteil der Neustadtbebauung und sogar einige neuere Geschäftsarchitekturen zu. Braun und Rottöne (Roter Sandstein/Backstein) sind ebenfalls häufig anzutreffen.

Selbst ein Wahrzeichen der Stadt, der Fernsehturm von 1986, folgt diesem Farbschema.

Als ‘akzentuierende’ Ausnahmen kann ich dafür diesmal viele der jüngst restaurierten Jugendstilgebäude nennen, die helle Grau- und Weißtöne in der Fläche ebenso aufweisen, wie Rosa- oder Pistazientöne.

Der Eindruck einer Stadt die zum Bräunlichen tendiert wird auch durch den Zustand vieler Gebäude, die einer Sanierung harren und durch die wahrnehmbare Verschmutzung durch Staub und Abgase befördert.

Und auch wenn dieser subjektive Eindruck sich in der Auswertung nicht bestätigen sollte, für diese Reisenotiz und Blogeintrag muss es an Beschreibung reichen.