wpid-wp-1434830604809.jpeg

Tallinn, Estland

Talinn, Estland

Aufgenommen am 15.06.2015

Stadt(Struktur):

Von Helsinki kommend ist der Unterschied zwischen den finnischen Städten und Tallin groß und auf den ersten Blick ersichtlich. Tallinn, die Hauptstadt Estlands, wirkte auf mich regelrecht viergeteilt und bei allen Parallelen, die in europäischen Städten hinsichtlich ihrer immer spürbar gewachsenen Strukturen evident sind, tatsächlich wie ein anderer Kontinent. Natürlich wird meine Wahrnehmung beeinflusst -und dadurch auch der Blick auf die Stadt gelenkt- von der jüngeren Geschichte, dem Zerfall der Sowietunion und dem daraus resultierenden Einfluss auf Stadtblid und Gesellschaft. Trotzdem ist der visuelle und atmosphärische Eindruck, den Tallinn auf den ersten Blick hinterlässt, so eigenständig und anders, dass auch ohne den geschichtlichen Hintergrund im Blick zu haben, dem Besucher auffällt, dass sich diese Stadt inmitten eines Wandlungsprozesses befindet, der bei weitem noch nicht abgeschlossen ist.

Es sind für mich vier bauliche Charakteristika welche jeweils -nahezu völlig separiert von einander- für sich einen Teil des Gesamtbildes Tallinns ausmachen: Die Bebauung der historischen Altstadt, die Holzäuser des späten 19. Jahrhunderts, die Bauten für die olympischen Spiele 1980 plus die Bauten aus der Sowietzeit sowie die neueren Bauten des ‘Turbokapitalismus’ nach dem Zerfall der SU und der Eigenständigkeit Estlands.

Die einzelnen Charaktereristika zu beschreiben ist hier nicht angebracht, zudem sind sie nahezu prototypisch/stereotyp zu hinlänglich bekannten Beispielen der jeweiligen Epoche. Die Ausnahmen und Besonderheiten, auch in Bezug auf das Farbliche, sind vielleicht interessanter:

Tallin ist heterogen, in allen baulichen und visuellen Belangen. Es fällt auf, dass die Stadteile und die oben genannten Charakteristika bzw. ‘Typen’ keinen Bezug auf einander nehmen, sich visuell wie baulich wortwörtlich aus dem Weg gehen und somit, vor allem an den Übergängen und Grenzflächen, gestalterische Brüche und Leeräume enstehen, die weder baulich, visuell, noch atmosphärisch irgendwie gefasst wären.

Während der Kosmos ‘Historische Altstadt’ seine Grenzen natürlicherweise durch den Befestigungsring und den daraus entstandenen Straßen- und Grünräumen erhält – und sich somit die ‘Reststadt’ sozusagen historisch legitimiert von der Altstadt abgrenzt, ist es in den anderen Stadteilen und seinen Bebauungen offensichtlich, wie wenig räumlicher und gestalterischer Bezug gesucht und/oder geschaffen wurde.

Mit anderen Worten: Die Stadt zerfällt visuell und atmosphärisch in voneinader unabhängige Fragmente.

Die Altstadt wirkte auf mich wie etwas zu stark geschminkt, die historischen Bauwerke -und es ist eine Fülle von herausragenden Bauten- sahen eher konserviert als belebt aus, denn sie wiesen größtenteils keinerlei Spuren materieller oder struktureller Alterung auf. Eine nagelneue Altstadt, sozusagen, obwohl sie im 2. Weltkrieg verhältnismässig geringe Zerstörungen erleiden musste.

Abgesehen von den Großwohnsiedlungen (Plattenbauten oder Großblockbauten) in der Peripherie, sind es im Gegensatz zur Altstadt die Bauten aus der Sowietzeit, die olympischen Bauten, selbst eine große Ehrenmal/Gedenkstätte/Soldatenfriedhof für Gefallene des zweiten Weltkrieges an der Küstenlinie, die derart vernachlässigt, teils dem Verfall preisgegeben sind (Tallinnhalle am Hafen), dass es nur noch eine Frage der Zeit ist bis diese, offensichtlich umstrittenen Hinterlassenschaften, nicht mehr zu retten sind. Ein wirklich eigenständiges und (für meine Begriffe) absolut erhaltenswertes Hochhaus aus der Zeit der olympischen Spiele wurde während meines Besuches gerade abgerissen. Lediglich Yachthafen und Sporthotel in Pirita werden noch intensiv genutzt, auch wenn auch hier auffällt, dass die Gebäude mehr ver- als gebraucht werden.

Die Dichte an Shoppingmalls, Hotelgebäuden und Bürokomplexen in der Innenstadt ist beachtlich, die architektonische Qualität scheint sich in den letzten Jahren auch ein wenig gebessert zu haben. Dennoch gibt es eine hohe Zahl an Gewerbeimmobilien, vor allem der frühen Nullerjahre, die den Test der Zeit in ihrer heutigen Erscheinungsform nicht bestehen werden. Dieser CBD ist der visuell heterogenste Teil Tallinns und absolut prototypisch für größere Städte des ehemaligen Ostblocks.

Zäune! In den Wohnvierteln am Stadtrand, den freistehenden Einfamilienhaussiedlungen, selbst zwischen den Holzhäusern in Kalamaja stehen Zäune. Nicht verwunderliches, eigentlich, aber nach vier Wochen Skandinavien auffällig wie stark das Bedürfnis nach Sicherung und Abgrenzung den öffentlich einsichtigen Raum auch visuell beeinflusst.

Es hat mir außerordentlich gefallen die Stadt zu durchwandern, jenseits meiner persönlichen Vorlieben und Abneigungen ist Tallinn eine lebendige Metropole. Und trotz den Auswirkungen von Turbokapitalismus und Kreuzfahrtschifftourismus atmet diese Stadt etwas liebenswertes und eigenes, was sich nicht so schnell überdecken lassen wird.

Farbikeit:
Zunächst war der erste Eindruck, den ich von Tallinns Farbigkeit im Stadtbild hatte, verwirrend und uneinheitlich, was stärker an der beschriebenen Heterogenität der Stadt liegt, als an den tatsächlich vorkommenden Farbwelten. Zudem fällt in Tallinn die deutlich größere Vielfalt der verwendeten Materialien auf, deren Texturen, Fakturen und Strukturen die Wahrnehmung der Stadt sehr stark beeinflussen, was wiederum den heterogenen Eindruck auch auf farblicher Ebene noch verstärkt. Nach dem ersten -und auf der Reise natürlich unvollständigen- Durchsehen der Aufnahmen bildet sich zumindest ein etwas zusammnhängender Farbeindruck heraus, den ich versuche hier vorab festzuhalten. Auf den Querschnitt der Farbigkeiten, beonders im Vergleich zu den bislang festgehaltenen, bin ich mehr als gespannt.

Sowohl in der historischen Altstadt, als auch in den Vierteln mit Holzhäusern sind es an bunten Farben Grün-, Blau-, Gelb- Braun- (Holz) und Rottöne, immer leicht gebrochen und sehr selten stark gesättigt, die am häufigsten die Fassaden bestimmen.

In der Altstadt sind es es, typisch für die Jugenstil und Renaissancebauten, leichte, fast pastellfarbene Gelbt≠ und Pistaziengr≠ Fassadenakzentuierungen die auffallen. Aber auch rote Sandtseinfarben und Graut≠ kommen häufig vor. Einige mittelalterliche Bauten weisen stärkere Farbsättigungen auf.

Die Holzhausbebauungen sind farblich variantentreicher, hier habe ich sehr viele Farbproben genommen die der Auswertung harren. Hier sind es, wenn es keine naturbelassenen Holzfassaden sind, stärker gesättigte Farben, die dennoch nicht reinfarbig sind, sondern tendentiell statt Pastellgelb Ocker oder Curryfarben sind, statt Pistatziengrün eher Petrol, Laubgrün oder Grünspanfarben (Kupferpatina) aufweisen. Auch Altrosa und marsala oder grenadinefarbene Rottöne stehen hier vor dem Sandsteinrot der Altstadt. Der überaus bunte, aber nie grelle, Eindruck, dieser Viertel hängt vor allem mit der von Haus zu Haus unterschiedlichen Farbgebung zusammen. Insgesamt ist die Farbigkeit der Holzhäuser deutlich variantenreicher als in Finnland.

Sehr häufig anzutreffen sind im Ring um die Altsdtadt auch Gebäude mit natürlichen Kalksandsteinmauerwerk, ab und an akzentuiert mit Backsteinbauteilen.

Insgesamt sind deutlich weniger Backsteinfassaden im Stadtbild zu finden als auf finnischer Seite der Ostsee.

Die Bauten der olympischen Spiele und aus der Sowietzeit sind, wenn nicht verkleidet oder verputzt (z.T. in jüngerer Zeit saniert), in betongrau bzw. Wasch/Sichtbeton gehalten und weisen stärker gesättigte Akzentuierungen hauptsächlich in Grün und Rot auf. Die sanierten und z.T. mit WDVS verkleideten Vertreter sind in der Farbigkeit großflächig in bunten Farben angelegt, während die ursprünglichen Akzentuierungen der unsanierten Gebäude nur an einzelnen Bauteilen, maximal an Giebelwänden, auftreten.

Die neueren Bauten der Innenstadt, also hauptsächlich Gebäude der 1990er Jahre und später, sind entweder mit weiß-grauen Verkleidungen errichtet, oder -recht beliebig und in ihren Arragements unzusammenhängend- mit der jeweiligen Mode entsprechenden farblichen Akzentuierung zur Stahl/Glasfassadenoptik versehen worden.

Im Untersuchungsgebiet waren nur wenige Einfamilienhaus-Neubauten vertreten und die wenigen, die ich gesehen hatte, reihen sich in die Struktur der am Stadtrand liegenden Wohnviertel ein. Diese ist wiederum deutlich heterogener als die innenstadtnahen Wohnviertel. Hier sind die älteren Gebäude, wenn es keine Holzhäuser sind, mit nahezu allem verkleidet worden, was der Baustoffhandel liefert, oder vielleicht besser, liefern konnte: Kunssteinverkleidungen, neben Putz und Klinker. Die Neubauten sind häufig schlicht verputzt und in Weiß/Grautönen gehalten oder holzverkleidet in Grau oder Holzbraun.