wpid-p1140112.jpg

Ternopil, Ukraine

Ternopil, Ukraine

Aufgenommen am 19.07.2015

Stadt:

Ternopil ist neben Ivanofransk und Lviv die dritte große und wichtige Stadt Galiziens und scheint vor allem auch als Verkehrsknotenpunkt eine große Bedeutung zu haben. Eine der großen Nord-Süd Schienenverbindungen läuft mitten durch das Stadtgebiet was gleichfalls die Stadt regelrecht in zwei Teile zerschneidet.

Auf der westlichen Seite des Schienenstrangs liegt der große See der Stadt, flankiert von einer großen innerstädtischen Parkanlage. Park und Uferpromenade sind -neben der kleinen, am besten als nachlässig rekonstruierten Rumpfaltstadt zu beschreibenden Altstadt- die einzigen ästhetischen Ankerpunkte einer im Krieg vollständig zerstörten und unter den Limitierungen des Sozialismus wieder fuktionstüchtig gemachten Stadt.

Jenseits der Bahnstrecke im Osten der Stadt liegen nördlich große, teils zerfallende Industrieareale. Im Süden schließen sich mittlerweile von der Stadt vereinnahmte dörfliche Strukturen an die zentralen Viertel an.

Lebendig ist die Stadt ohne Zweifel und es gibt wahrnehmbaren Tourismus, im atmosphärisch-ästhetischen Sinn ‘schön’ ist die Stadt lediglich nur an ganz ausgewählten Ecken. Der größte Teil der Stadt kämpft wohl sozial, wie baulich, mit den Auswirkungen der Krisen und Umwälzungen der jüngeren Geschichte.

Ternopil scheint ein Standort der Möbelproduktion zu sein, ich habe auf Schritt und Tritt Möbelhäuser und Fabrikationen gesehen. Aber hauptsächlich prägt eine raue und unwirtliche Atmosphäre -nicht nur den industriellen Nordosten- der Stadt.

Als ich einen Untersuchungspunkt im Nord-Östlichen Industriegebiet aufsuchen wollte und mich in Mitten einer riesigen, ex-kommunistischen und mittlerweile geschlossenen Traktoren/Mähdrescherfabrik befand, wurde ich das erste mal auf der Reise von meinem Vorhaben Bilder aufzunehmen abgehalten. Zwar ging durch das Gelände eine öffentliche Straße, aber ein Wachmann machte mir sehr deutlich klar, dass es hier nichts zu fotografieren gäbe. Ich musste ihm meine bisherigen Aufnahmen zeigen und er schien grummelig-gewillt sie mich im Zweifelsfall löschen zu lassen. Was er aber sah überzeugte ihn, dass ich wohl doch nicht gekommen bin um das Areal auszuspionieren.

Auf meinem Weg heraus aus dem Areal begegnete ich einigen Wachtrupps, die mit Hunden und Waffen ausgestattet versuchten wenigstens die Überreste zu sichern, andere Fabrikgebäude in der Nähe waren bereits komplett geplündert. Alles was sich irgendwie zu Geld machen lässt wurde offensichtlich unfachmännisch und schnell ‘ausgebaut’ und abtransportiert. Ich bin das Gelände dann von außen abgegangen und habe Obdachlose getroffen, die auf Dauerflucht vor den Wachtrupps oder mit stiller Duldung einige der Ruinen am Rand bewohnen. Die Exkursion gipfelte am Nordende der Stadt wo ich Zeuge einer privaten Schießübung auf ein Transformatorenhäuschen einiger junger Ukrainer wurde. Selten eine so merkwürdige Endzeitstimmung erlebt wie im Norden Ternopils.

Das Wesen der Stadt -soweit ich das beurteilen kann- lässt sich am besten dadurch beschreiben, dass alle Viertel die ich besucht habe absolut inhomogen besetzt sind. Die einzeigen Ausnahmen sind ‘Altstadt’ und die dörflich anmutenden Viertel im Süden. Die Inhomogenität beginnt unvermittelt in der rekonstruierten Altstadt, wo zwischen wieder aufgebauten klassizistischen Gebäuden sehr unsensibel Repräsentanten funktional-sowietischer Monumental- und Verwaltungsarchitektur minderer ästhetischer Qualität gesetzt wurden.

Die in nördlicher Richtung anschliessenden Wohnviertel wiesen einen Mix aus einzelnen Plattenbauinseln, kleineren, dörflich anmutenden Eingeschossern und etwas neueren, mehrgeschossigen Privathäusern auf. Auch die baulichen Zustände variieren in der gesamten Bandbreite, von frisch saniert bis verlassen und zudem im Verfall befindlich.

Selbst das Zentrum ist gewissermaßen zweigeteilt, es gibt auf der Achse Bahnhof-Seeufer einen zentralen Platz mit Kultur- und Verwaltungsgebäuden, Hotels und Cafes sowie im Gegensatz dazu zwei Blöcke weiter südlich den großen, fast vollständig überdachten bazarartigen Markt in Containeroptik auf dem es exakt alles zu kaufen gibt. Auch der für die Größe der Stadt (250.000 Einwohner) große Busbahnhof liegt dort, hier scheint mehr Betrieb zu herrschen als am schienengebundenen Bahnhof der mit seiner klassizistisch anmutenden Fassade irgendwie zu groß für seine Umgebung geraten ist.

Südlich an den Markt anschliessend liegt ein völlig durchmischtes Wohngebiet welches dann abrupt in die bereits genannten dörflichen Straßen übergeht. Hier wechselt dann auch der Straßenbelag von Asphalt, in schlechtem Zustand, zu Schotter und erdgebundenen Wegen.

Im Süden Ternopils, so mein Gefühl, ist die Stadt in einem etwas bessern Zustand als im Norden, die Gebäude wirkten insgesamt gepflegter, sogar einige Neubauten und Sanierungen waren zu auszumachen. Dieser Umstand ist sicherlich dadurch begründet, dass diese Viertel witterungsgünstig und weit ab zum Industrieareal im Nordosten liegen.

Farbigkeit:

Die Farbigkeit Ternopils zu beschreiben fällt mir schwerer als bisher, da ich das Gesehene schon sehr zusammenkonstruieren müsste, da vor allem der atmosphärische Eindruck der Stadt die aufgenommenen Farbigkeiten nahezu vollständig überlagern.

Der gewichtigste Grund hierfür ist am besten im zentralen Innenstadtbereich nachzuweisen: Die starke Überformung der Bauten mit Werbung und Beschriftung. Die Optik ist ähnlich zu vergleichbaren Ecken in Lviv, nur in einer, der ohnehin schon inhomogeneren und gefühlt schlechteren Bausubstanz geschuldeten, noch unruhigeren und ‘lauten’ Wirkung. Hier scheint die gewählte Aufnahmehöhe von 175, also Aughöhe, durchaus der wahrgenommenen Umgebung zu entsprechen, was mich zumindest ein wenig in der Methode bestätigt.

Die rekonstruierten Teile der Altstadt folgen dem schon häufig beschriebenen Hang zu sandig-hellen Gelbtönen. Einzelne Gebäude, die aber in der absoluten Minderheit sind, wurden in mint- bis lindgrünen Farben angelegt.

Akzentuierungen der Architekturgestaltung sind häufig in weiß oder sandsteinroten Tönen angelegt.

Die Kombination von hellgelben Sandsteinfarben und roter Akzentuierung ist auch an neueren Großwohnbauten (1990er bis Mitte Nullerjahre) sowie an den wenigen sanierten Großwohnbauten zu beschreiben. Häufig sind größere Gebäude aus unverputzten aber farbig angelegten Kalksandstein errichtet.

Typisch -und absolut vergleichbar zu den entsprechenden Vierteln in Lviv- sind die vereinzelten Plattenbauinseln, häufig sind die Wandscheiben mit Keramikfliesen belegt worden, die auch hier im Laufe der Zeit zu großen Teilen abgeplatzt sind und nur sporadisch, wenn überhaupt, ausgebessert wurden. Vollmilchschokoladenbraun-, Dunkelrot- und Sandfarben waren die auschliesslichen Farben die ich an den Keramikflächen ausmachen konnte.

Die Eingänge der einzelnen ‘Blocks’ scheinen neben den auch hier überall vorkommenden Individuellen Auskleidungen und Renovierungen im privaten Bereich das einzige Bauteil zu sein das regelmässig erneuert, oder besser, neu angelegt wird. Der Rest ist häufig verwitterter Anstrich auf Beton, also grau bis schmutzig.

Die dörflich anmutenden Viertel und Einfamilienhausbebauungen sind größtenteils nicht nur in einem bedeutend besseren Allgemeinzustand, auch die Farbigkeit ist variantenteicher, indivdiueller und intensiver. Das gilt nicht nur für offensichtlich erst kürzlich angelegte Fassaden, auch Häuschen (das wohl treffenste Wort) die schon länger nicht mehr renoviert oder saniert wurden weisen insgesamt eine höhere Buntigkeit und Detailverleibtheit bei der farblichen Ausgestaltung auf. Einen Farbkanon zu beschreiben wäre ähnlich unsinnig wie in bei vergleichbaren Siedlungen (beispielsweise Brest/Belarus). Einzige Auffälligkeit ist, dass neuere Bauten und Sanierungen deutlich leuchtendere Farbigkeiten aufweisen als deren ältere Vertreter welche wiederum in Summe und Kontrast häufiger in Braun- oder Sandfarben angelegt wurden.