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Thessaloniki, Griechenland

Thessaloniki, Griechenland

Aufgenommen am 06.08.2015

Die zweitgrößte Stadt Griechenlands, Geburtsort von Mustafa Kemal Atatürk, knapp 100 Jahre erst eine ‘Griechische Stadt’. Die Berge im Rücken, das Meer vor der Nase, Hafen, wichtiger Handelsort an der Via Egnatia und sogar in der Bibel erwähnt. Die Latte liegt hoch und ich freute mich sehr auf meinen Besuch in der Stadt.

Thessaloniki lässt mich ein wenig verwundert, aber bestens unterhalten, weiter ziehen, zu groß die Diskrepanz zwischen dem Namen der Stadt und den für mich damit verbundenen großen Bildern. Ich habe bestimmt keine Schönheit erwartet, die Stadt wurde mehrfach durch Krieg und Brände erheblich in Mitleidenschaft gezogen und auch der massive Zuzug anatolischer Griechen nach dem Bevölkerungsaustausch von 1923 hat der Stadt wenig Gelegenheit gegeben sich zu erholen. Für mich ist es die erschreckende Beliebigkeit aller halbwegs zeitgenössischen Versuche räumlicher bzw. architektonischer Gestaltung, die mich so ernsthaft wundert.

Und bevor meine Beobachtung falsch verstanden wird, versuche ich es anders herum zu beschreiben: Es wurde offensichtlich viel Aufwand betrieben die markanten Orte und touristischen Destinationen Thessalonikis zu erhalten oder sogar durch Neugestaltung aufzuwerten. Unter anderem wurde eine sehr lange Erweiterung der Uferpromenade (östlich des weißen Turms) angelegt und ein Teil des ehemaligen Frachthafens für öffentliche Nutzungen freigegeben und umgestaltet. Die Ideen sind stimmig, aber was fehlt ist in beiden Fällen irgendein lokaler Bezug auf gestalterischer Ebene sowie besonders Raum und Gelegenheit für Improvisiertes und Nicht-Kommerzielles angesichts der Prominenz und Geschichte beider Orte.

Stattdessen wurde das Erwartbare realisiert, das Hafengelände wirkt steril und totsaniert. Jede einen Hafen innewohnende Rauigkeit und ortsspezifische Atmosphäre wurde auf austauschbare Zitate gängiger Industrie-Umwidmungs-Architektur reduziert. In den ehemaligen Backstein/Stahlskelett-Lagerhallen sind nun ‘Designshops’ mit angeschlossenen ‘Design-Thinktanks’, eine Gastronomie sowie eine Ausstellungshalle untergebracht. Das ganze im Ansatz und Ausgestaltung derart institutionalisiert, dass keinerlei kreative Atmosphäre aufkommen mag.

Man läuft einmal durch, kann nichts unangenehmes entdecken und geht wieder weiter. Derlei ‘Wharfs’, ‘Marinas’ oder wie auch immer finden sich einfach überall und sie funktionieren halt am ehesten dort, wo der Yachthafen und entsprechendes Publikum nicht weit sind.

Ähnlich sieht es mit der Erweiterung der Uferpromenade aus. Hier tritt die Bebauungskante ein deutliches Stück zurück, so dass enorm viel Platz zwischen Wasserkante und Gebäudefronten zur Verfügung stand.

Und auch hier: Erwartbare Bespielung. Die breite Uferpromenade wird von einer neu gepflanzten Allee begrenzt, In zweiter Reihe, zwischen Promenade und der Uferstraße welche direkt an den Gebäuden entlang führt, wurde ein Pufferstreifen installiert, der in lähmender Uniformität jeweils und abwechselnd eine ‘Glascontainergastronomie’, einen mit Bänken ausgestatteten Grünstreifen oder einen Spielplatz (Miniskatepark etc.) aneinanderreiht. Länge: Gefühlte 3 km. Im Gegensatz dazu ist die dicht ans Wasser brandende Bebauung der Stadtseite der Bucht, mit Hauptstraße davor und recht schmaler Promenade, richtiggehend aufregend und urban.

Ein großer Pluspunkt für die gesamte Wasserlinie der Stadt: Es gibt keinerlei Geländer entlang der Uferpromenade und genauso wenig Sitzbänke direkt am Wasser. Man darf/kann/muss sich auf die Kaimauer setzen.

Natürlich trägt die wirtschaftliche Situation stark zur Atmosphäre bei, denn in nahezu allen Lagen, die nicht absolut 1A (oder sagt man dazu jetzt auch (Tripple)AAA?) sind, sind viele Geschäfte verlassen oder wohl dauerhaft geschlossen. In der Innenstadt allerdings, vor allem im Bereich von Fußgängerzone und Einkaufsstraßen rund um die Platia Aristotelous sind es die internationalen Ankermieter und vergleichsweise hochpreisige Gastronomen, die den innerstädtischen Raum behaupten und das Offensichtliche sehr laut übertönen. Kaufkräftiges oder spendierfreudiges Publikum gibt es indes mehr als genug. Die Schere zwischen sorgenfreiem Konsum und zur Schau gestelltem Wohlstand und dessen Gegenteil ist groß und allgegenwärtig.

Es gibt schon zu viele Be- und Umschreibungen der Auswirkungen der sogenannten Griechenlandkrise. Ich war bestimmt nicht an den heikelsten Orten Thessalonikis und trotzdem waren die vielen Menschen, die offensichtlich ihre Zeit totschlagen müssen unübersehbar. Mir sind besonders die erschöpften und angestrengten Gesichter der Menschen in Bussen und auf der Straße in Erinnerung geblieben, alte wie junge, irgendwie alle.

Die gestalterischen Entscheidungen, von denen ich hier schreibe und um die es mir geht, sind deutlich vor der Krise getroffen worden und deren Ursprung ist nicht mit der Verwaltung von Mangel verknüpft, wie es jetzt der Fall ist.

 

Die Stadt:

Die (Wohn-)Bebauung der Stadt zu beschreiben ist denkbar einfach: Wer nicht in einem altertümlichen oder zumindest historischen Gebäude lebt, lebt in dem Haustyp der Griechen: Das Balkonhaus. (Siehe ‚Athener Apartmenthaus in den Notizen zu Athen.)

Hauptanliegen dieses Typs ist es durch Balkone, die vor der gesamten zur Verfügung stehenden Fassadenfläche einer Wohneinheit entlanglaufen, möglichst viel Verschattung und Freiluft-Wohnfläche zu schaffen.

Ergänzt werden die, häufig um die Gebäudekanten herumgreifenden, Balkone durch Markisen, die oftmals durch ihre steile Anstellung den Großteil der Fassadenfläche und damit der Farbigkeit und Materialität ausmachen. Gemauerte, massive oder verkleidete Balkongeländer sind selten, Stahlgeländer die Regel.

Auch wenn es durch die Balkone anders wirkt, die griechischen Wohnungen der Balkonhäuser verbergen ihren Komfort und sind, trotz der umlaufenden ‘Bühne’, extrem introvertiert. Man kann vom Balkon in diesem Fall durchaus vom halböffentlichen Bereich des Stadtraums sprechen, denn vom Balkon aus wird mit Nachbarn gesprochen, mit der Familie gegessen oder der Vorgarten gewässert, was immer halt ansteht.

Die Größen der Wohneinheiten und der Häuser variieren natürlich nach Lage und Viertel. Das Balkonhaus ist in Innenstadtlagen bis an den Straßenrand, den Block füllend, gebaut und weist neben einer Ladenzone im Sockelgeschoß häufig auch ein Penthouse im obersten Stockwerk auf. Zudem teilen sich hier mehrere Wohneinheiten ein Geschoß, was bei kleineren Einheiten selbstredend nicht mehr vorkommt.

Je weiter man sich vom Stadtkern entfernt, umso größer werden die Bauabstände bei gleichzeitig niedrigerer Bauweise. Dabei ist die Bebauungsdichte immer noch deutlich größer als es in den jeweils vergleichbaren Lagen in Deutschland der Fall ist.

Es gibt, selbstredend, endlos viele gestalterische Varianten und vor allem Ausbaustufen dieses Grundtyps. Während in den innerstädtischen Bereichen die Gebäude meistens stringent durchgestaltet sind, diversifiziert sich das Erscheinungsbild der Gebäude zu den Rändern hin zunehmend. Asymmetrie, Dachterrassen, Anbauten und Erweiterungen der Grundkubatur überformen hier deutlich öfter das eigentliche Kerngebäude. Auch scheint zu den Rändern hin das Ausleben individueller Architekturdekorationen aller möglichen und denkbaren Stilrichtungen zum Tragen zu kommen.

Erst in ein fertig ausgebautes oder verkleidetes Gebäude zu ziehen ist nicht immer die Regel, auch hier gilt: Je weiter man sich vom Stadtzentrum entfernt, umso häufiger sieht man ‘bewohnte Baustellen’. Mal ist ein Zwischengeschoß, der zu annähernd 100% aus Stahlbeton-Skelett Konstruktionen bestehenden Gebäude, nur zur Hälfte ausgefacht und der Rest als großzügige Terrasse genutzt, mal sind die oberen Stockwerke reines Skelett oder die Bewehrungseisen ragen aus der Dachplatte heraus um eine spätere Aufstockung leicht zu ermöglichen. Recht häufig fehlt das gesamte Erdgeschoß und der freistehende Bereich wird als eine Art Carport genutzt. Letzteres, so hatte ich mal gehört, läge oftmals daran, dass die Grundsteuer erst entrichtet werden muss, wenn das Erdgeschoß ausgebaut sei, ob dies stimmt kann ich nicht beurteilen.

Es stellt sich also ein völlig anderes Stadtbild als bisher dar: Das Grundgefüge der Stadt ist auf der einen Seite dicht und homogen, die Bauten ähneln einander in ihrer Ausstattung und Größe jeweils stark, so dass sich hierdurch eine grundsätzliche Homogenität der Masse ergibt. Dadurch, dass aber kaum Fassadenfläche, und damit architektonische Gestaltung, sichtbar bleibt, denn die Tiefe der Balkone ist zu groß und die Markisen, Möblierungen etc. auf den Balkonen zu variantenreich, ist der zweite Teil der Wahrheit. So springt die Wahrnehmung ständig zwischen dem kompakten Eindruck des dichten Stadtkörpers und der unglaublichen Varianz und Kleinteiligkeit der Balkongestaltungen hin und her und macht letztendlich auch die visuelle Faszination solcher Städte aus.

Der Vollständigkeit halber hier noch die selbstverständlichen Ausnahmen: Büro und Geschäftsbauten besitzen ab einer gewissen Größe keine Balkone mehr, tiefe Fassadenversprünge als konstruktiver Sonnenschutz ist dennoch häufig zu beschreiben. Ebenso unterscheiden sich die historischen, antiken oder sakralen Bauten erheblich von ihren Nachbarn aus dem 20ten Jahrhundert, keine Frage. Aber diese Ausnahmen sind ins Stadtbild bestenfalls eingruppiert oder solitär eingestreut, nie in irgendeiner Weise eingebunden.

Die eigentliche Altstadt erstreckt sich nur auf ein paar Blocks und ist derart durchkommerzialisiert, dass die Architektur auch hier visuell kaum zum Tragen kommt. Die größten Ausnahmen hiervon wiederum sind: Platia Aristotelous und die anschließende Fußgängerzone, das aktive Hafengebiet, die Gewerbegebiete im Norden und einige Neubausiedlungen am nördlichen Rand des Untersuchungsgebietes in denen ganze Nachbarschaften mit identischen Einfamilienhäusern bestückt wurden.

 

Farbigkeit:

Entweder wird es jetzt einfach oder unmöglich. Einfach wäre es zu sagen, dass die Mehrzahl der Fassadenflächen, die zu sehen sind entweder in hellen Grau- oder Weißtönen oder in Gelbtönen (die hinlänglich beschriebenen) auftreten. Auch die ebenfalls bekannten Terrakotta/Dunkelroten Akzentuierungen wären in der Beschreibung dabei.

Dies wäre ein überaus (akademisch) verstellter Blick auf die tatsächlich wahrgenommenen Verhältnisse, denn die Balkonmarkisen, Blumentöpfe, Möblierungen und Außenwerbungen, die den Großteil der wahrnehmbaren Fassadenfläche ausmachen, müssten jetzt mengenmäßig mit in die Beschreibung einfließen und dies wiederum ist bestenfalls unmöglich und eigentlich auch unsinnig.

Das gleiche gilt für eine Materialbeschreibung, wobei hierbei die Varianz noch größer ausfallen würde, denn die Betonskelette sind zwar am ehesten verputzt, aber vor allem im Innenstadtbereich mit allen möglichen Materialien verkleidet. Den größten gemeinsamen Nenner konnte ich noch in der Vorliebe für Marmor bzw. Kunstmarmor zur Akzentuierung oder Eingangsgestaltung ausmachen. (Wenn das mal kein Lokalkolorit par excellence ist.)

Ich kürze die Beschreibung der Farbigkeit also ab und verweise freundlichst auf die Fotografien. In der Ausarbeitung der Untersuchung werde ich allerdings Entscheidungen treffen müssen wie ich grundsätzlich mit solchen ‘Eigentümlichkeiten’ umgehe. Im Moment tendiere ich dazu keine Ausnahmen zu machen und tatsächlich alle aufgenommenen Farbvorkommen der gebauten Stadt auch aufzunehmen. Ein Mosaik, das ich in der Nähe des Messegeländes gefunden habe scheint mich zu bestätigen.