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Vilnius, Litauen

Vilnius, Litauen

Aufgenommen am 24.06.2015

Stadt:

Doppelt schwer nach dem fast beschaulichen Daugvapils erneut eine gewachsene Metropole und Hauptstadt zu erfassen. Denn selbstverständlich ist es mal wieder ein unmögliches Unterfangen das gesehene halbwegs objektiv und vollständig zu beschreiben. Das gilt für alle Stationen dieser Reise und natürlich auch für jetzt.

Wenn Tallinn, im ewig ungerechten Vergleich der drei Hauptstädte des Baltikums, am ehesten skandinavische/finnische Einflüsse aufweist und Riga einen russichen Einschlag hat, dann ist Vilnius durchaus eine Stadt mit polnischen Charakter.

Kirchen, überall großartige barocke Kirchen und die große, gut er- und unterhaltene Altstadt, romantische Viertel und natürlich auch die alte Universität, das dürfte das gängige Klischee, aber auch die Attraktivität für Touristen und Städtereisende  ausmachen. Und da ist viel dran.
Hier prägt der Tourismus im gleichen Maß den Altstadtkern wie überall, aber im direkten Vergleich zu Tallinn und Riga, ist hier der Übergang von Vorzeigealtstadt zu ‘alltäglicheren’ Vierteln mit alter, großer und historischer Bebauung fliessender. Das mag auch an der Struktur liegen, da hier die ehemaligen Stadtmauern, Fluss oder Kanal das eine vom anderen nicht so rigide trennt, kann aber auch daran liegen, dass die touristischen Kerne in ihrer Gesamtheit nicht ganz so überschminkt und totsaniert daherkommen wie anderswo.

Ich vermute auch, dass die historischen Bauten, insbesondere die Kirchen eher kulturinteressierte Touristen und die gewachsene Verbindung zu Polen gleichfalls viele ponische Besucher anzieht.

Zudem bringt die Universität und die dazugehörige Lifestyleinfrastruktur viel junges Leben in die Stadt hinein, das mildert den rein touristischen Eindruck ebenfalls.

Auf der anderen Seite ist der Einfluss eines internationalen jungem Städtetourismus (früher Interrail-Backpacker, heute vermutlich Lowcost-Carrier) ebenfalls stark ausgeprägt. Die Cafes, Bars, Restaurants und deren Publikum unterscheiden sich nicht zu ihren Pendants in anderen Metropolen, weltweit. Die Möglichkeit auf dieser Ebene Eigenständigkeit zu verlieren ist absolut gegeben.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die als ‘Szene- und Künstlerviertel’ gelabelte ‘Republic of Uzupis’. So schön kleinteilig dieses Inselchen an der Altstadt liegt, so international und marktgerecht das Angebot an Bars, Restaurants und Cafes.

Allerdings: Bewegt man sich nur ein paar Busstationen vom Stadtkern in die Wohnviertel, ist das Bild ein anderes: Hier ist jenseits der großen Achsen und Erschliessungsstraßen großformatiges Wohnen angesagt. Strärker als in Riga oder Tallinn sind die Holzhausarchitekturen bereits verdrängt und vermutlich schon vor längerer Zeit durch Wohnblöcke ersetzt worden. Im untersuchten Stadgebiet konnte ich kaum neuere Einfamilienhaussiedlungen finden, der Großteil der Neubebauung scheint hier bis in die jüngste Zeit auf große Mehrfamilienhausbauten auszufallen.

Vielfach sehen die verbliebenen Ecken mit Einzelhausbebauung so aus, als würden die alten Holzarchitekturen von Erben nach und nach ersetzt oder überformt werden. Sie düften es schon zu ‘Vorwendezeiten’ schwer gehabt haben sich gegenüber den Großstrukturen durchzusetzen.

Die Größe und Ausdehnung der Plattenbausiedlungsgebiete, die sich um die Stadt legen ist enorm. (Eine Fahrt mit dem Schnellbus der Linie 2 von einer zur anderen Endhaltestelle verschafft hier eindrückliche Ausblicke auf große Plattenbausiedlungen.) Was mir dabei aufgefallen ist, war die geringe Varianz der Plattenbautypen bzw. deren formale Ausgestaltung. Ich hatte das Gefühl, dass in Vilnius deutlich weniger verschiedne Plattenbauserien realisiert wurden als ich es von anderen Städten dieser Größe kenne.

Im Norden, jenseits der Neris, ist ein skuriler Business-District hochgezogen worden. Die Bürotürme hier reihen sich entlang der Uferlinie in einander ingnoirerender Singularität auf und bekommen auf Grund ihrer großen Abstände trotzdem keine Skyline hin. Verloren und deplatziert liegt die neue Erweiterung der Nationalgalerie in dieser Nachbarschaft.

Mich hatte in einem unaufmerksamen Moment eine dieser jungen ‘kann-ich-Ihnen-mal-für-5-Minuten-einfache-Fragen-stellen’ Umfragefrauen erwischt. Zum Glück für uns beide war sie nicht für eine Marktforschungsfirma unterwegs, sondern für die Tourismusentwicklung der Stadt Riga. Die Fragen zielten auf eine Wahrnehmbarkeit der Aspekte ‘grüne Stadt’, ‘sichere Stadt’ und ‘romantische Stadt’ hin.
Dass Vilnius eine grüne Stadt sei, dass kann man absolut nachvollziehen und nicht genug betonen. Die Romantik, auf die sich die Stadt hin entwickeln wird und will, dürfte für eine andere Art von Besuchern relevant sein als ich es bin und ob die Stadt ‘sicher’ ist…das ist in Zentraleuropa eine untergeordnete Frage, oder hatte Vilnius ein ernsthaftes Kriminalitätsproblem?

Aber, eh sich die Notiz jetzt hier zu negativ liest, denn das wäre nicht meine Intention: Genau wie Tallinn oder Riga ist Vilnius selbstverständlich eine absolut sehenswerte, liebenswerte und interessante Stadt in der es mehr zu entdecken gibt, als hier zu schreiben wäre.

Farbigkeit:
Für die Altstadt und weite Teile der Innenstadt, sogar bis in viele der angrenzenden Wohnviertel hinaus lege ich mich ausnahmsweise mal fest: Vilnius ist gelb.
Curry, Hellbeige, Sand und Ocker überall und so präsent, dass es kein Vertun gibt ob der Frage das  diese Farbtöne, in allen Verwitterungsgraden und Oberflächen, dominieren. Sollte meine Auswertung etwas anderes ergeben, wäre es mehr als eine Überraschung.

Häufig werden die Gelbtöne mit blassen Rottönen oder Rosa kombiniert, eigenwillig, aber tatsächlich häufig zu beobachten.

Lediglich rund um den Präsidentenpalast und am unteren Ende der Haupteinkaufsstraße (Gedimino Prospekt) sind die Bauten in Weiß- und Grautönen gehalten, was sie im Kontext zur übrigen Innenstadt gewissermaßen repräsentativer wirken lässt. Oben, am Parlament, setzt sich das Gelbliche wieder durch.

Neubauten, besonders die beschriebenen Büro- und Geschäftsbauten, sind hauptsächlich mit Stahl/Glas – Vorhangsfassen versehen, erwartungsgemäß. Blech und Steinflächen in den Vorhangfassaden inklusive.

Platten- und Großwohnbauten sind über lange Strecken und über weite Teile der Peripherie betongrau ohne auffällige Akzentuierungen, einige Viertel sind mit auffällig roten Backsteinbauten bebaut. Sanierte Großwohnbauten wurden zum größten Teil mit WDVS ausgestattet und ebenfalls typisch eher großflächig farbig angelegt. Hier ist mit wiederum die häufige Kombination von Gelb- und Rosatönen begegnet. Einige Wohnbauten neueren Datums, zum Teil mit eigentümlichen Zitaten postmoderner Stilmerkmale, vermutlich 10-15 Jahre alt, tragen diese Farbkombinationen ebenfalls.

Deutlich seltener, aber immernoch auffällig werden Grüntöne, häufig dunkler und gesättigter als in den bisher besuchten Städten zur Akzentuierung, aber auch an eingen älteren Holzhäusern, verwendet. Tatsächlich habe ich eine Strasse im Norden entdeckt, in der die Nachbarschaft sich auf blaue Anstriche für ihre Holzhäuser geeinigt hatte, eine Ausnahme, oder?

Die Kliniken am Nordrand meines Untersuchungsgebietes werden im Moment neu in weißem Blech mit großen Farbflächen zur Strukturierung der Fassade verkleidet und haben eine völlig eigene Farbgebung. Westlich der zentralen Achse sind die Gebäude in einem Ton zwischen Burgund und Aubergine gehalten, östlich sehr gesättigtes Sonnenblumengelb auf grauem Grund.